Aus dem Nachlaß Varnhagen's von Ense. Tagebücher von K[arl] A[ugust] Varnhagen von Ense. Erster Band. Leipzig: F. A. Brockhaus 1861.

 

Auflösung der Namenskürzel nach Heinrich Hubert Houben: Übersicht der dem Manuskript entnommenen Ergänzungen.  Ebenda, Fünfzehnter Band (Register). Berlin: Deutsche Bibliographische Gesellschaft Bd. 4  (Veröffentlichungen der Deutschen Bibliographischen Gesellschaft Bd. 3), S. 1-14.

 

[S. i]

Tagebücher

von

K. A. Varnhagen von Ense.

Erster Band.

 

[S. iii]

Aus dem Nachlaß Varnhagen's von Ense.

Tagebücher

von

K[arl] A[ugust] Varnhagen von Ense.

Erster Band.

Leipzig:

F. A. Brockhaus.

1861

 

[S. iv]

Das Recht der Uebersetzung ins Englische, Französische und andere fremde Sprachen ist vorbehalten.

 

[S. v]

Vorwort.

Die vorliegenden Tagebücher beleuchten in ununterbrochener Folge unsere jüngste Vergangenheit. Was Varnhagen von Ense zunächst nur für sich selber niederschrieb, ist in der That die vollständige Darstellung der preußischen Geschichte geworden, die sich hier unverhüllt und klar den Augen des Lesers darbietet. Während die ersten Blätter in Kürze den matten, schlaffen, gedrückten Zustand unter Friedrich Wilhelm dem Dritten zeigen, entrollt sich in den folgenden das ganze Gemählde der Regierung Friedrich Wilhelm's des Vierten, mit all ihren verschiedenen Anläufen und Schwankungen, welche die Revolution von 1848 stufenweise vorbereiten und unabänderlich hervorrufen mußten. Vieles bisher Dunkle und Ungewußte ist hier zum erstenmale aufgeklärt, das ganze preußische Staatswesen, der König, die Minister, die sich bekämpfenden Partheien, das Leben in der Gesellschaft, der Wissenschaft und der Litteratur so bis zum innersten Kern geschildert, wie dies kaum einem Zweiten möglich sein dürfte; Varnhagen erhielt von allen Seiten die genauesten und zuverlässigsten Mittheilungen, und so verband sich in ihm mit [S. vi] seltenem Darstellungstalent, mit dem umfassendsten und durchdringendsten Geist und dem sichersten politischen Blick die tiefste und schärfste Kenntniß der Lage der Dinge.

Was er in edlem Eifer, der sich oft bis zur flammenden Leidenschaft steigerte, im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit treu und gewissenhaft niederschrieb, wird jeder Unpartheiische in seinem unschätzbaren Werthe erkennen. Es sind die Aufzeichnungen eines ächten Patrioten, dessen Herz feurig und liebevoll für Preußen, für Deutschland schlug, und der so begeistert und freudig jeden Aufschwung zur Freiheit, zum Wohl des Vaterlandes begrüßte, wie ihn die Schmach und Unterdrückung desselben mit tiefstem Schmerz erfüllen mußten. Wenn er während der unheilvollen Reaktionsjahre sich den Ausbrüchen des gerechtesten Zornes und Unmuthes überließ, so wird man auch in diesen die warme Liebe zum Vaterlande erkennen müssen, und in den oft starken, vielleicht maßlos erscheinenden Ausdrücken den natürlichen Aufschrei, die edle Empörung, die der Anblick der zertretenen Freiheit, der um ihre Rechte betrogenen Nation in jedem ächten Manne hervorrufen mußte. An solche Aufzeichnungen den Anspruch zu machen, wie an ein stilistisch-glattes und abgerundetes Kunstwerk wäre unrichtig, es durfte ihnen nichts von ihrer kräftigen Frische und Unmittelbarkeit genommen werden.

Ein Anhänger des konstitutionellen Königthums, und dem Könige Friedrich Wilhelm dem Vierten persönlich ergeben, ohne in seiner Nähe zu sein, hielt Varnhagen an diesen Gesinnungen fest bis auf's Aeußerste. Grade dadurch aber erhält die Entwicklung, die mit ihm selbst in [S. vii] diesen Blättern allmählig vor sich geht, einen so besonders lehrreichen Karakter. Sie zeigt wie die neueste Geschichte auf einen normal gesunden Geist wirken mußte, der, von fast entgegengesetzten Prinzipien ausgehend, vermöge der Intelligenz seiner Auffassungskraft unter der zwingenden Macht der Ereignisse zuletzt erkennen muß, daß die wahre Volksfreiheit nur auf ganz anderem Wege zu erlangen sei! – Die Entwicklung, die Varnhagen hier gleichsam unter den Augen des Lesers an seinem eignen Menschen durchmacht – sie ist die Entwicklung, welche die letzten fünfzehn Jahre im Volksgeist im Allgemeinen hervorgebracht haben müssen, wenn diese Jahre keine verlorenen sein sollen. Es ist die Entwicklung, die tausend Andere wie Varnhagen an sich erlebt haben und die tausend Andere an ihm nachleben und an ihm durchmachen werden, sich nach seinem Beispiel an der Lehrkraft der Ereignisse bildend.

Neben der allgemeinen politischen Wichtigkeit dieser Tagebücher, geben sie auch ein treues Zeugniß von Varnhagen's edlem und herrlichem Karakter; sein hoher Geist, seine Zartheit und seine Kraft, seine Anmuth und die zermalmende Schärfe seines Witzes, seine persönliche Gutmüthigkeit und Menschenliebe, sein unbestechlicher Wahrheitssinn, seine wahrhaft ideale Uneigennützigkeit zeigen sich in hundert Zügen. Hatte er, noch in den besten Jugendjahren bereits eine glänzend begonnene diplomatische Karriere verlassen, so wies er auch alle späteren für ein Talent wie das seinige verlockenden Anerbietungen zu erneuter Wirksamkeit im Staate mit Entschiedenheit zurück, da sie sich mit seiner [S. viii] Ueberzeugung nicht vereinigen ließen. In stiller Zurückgezogenheit lebend, begehrte er nichts für sich selbst.

Ich halte es für eine heilige Pflicht das vorliegende Werk der Oeffentlichkeit zu übergeben; möge es weithin die Geister entzünden und erleuchten und tausendfältig den Sinn für Freiheit und Vaterland anregen und ausbreiten, dessen wir mehr als jemals bedürfen für die Kämpfe, welche die nächste Zukunft schon bringen kann. Ein ruhmvolleres und glänzenderes Denkmal für den edlen Verstorbenen und das zugleich mehr in seinem Sinne wäre, kann es nicht geben, als wenn in solcher Weise sein Geist noch nach seinem Tode thätig fortwirkt für die heilige Sache, die er im Leben zu der seinigen gemacht.

Die Philister werden wieder zittern vor Schreck, die Reaktion wird wieder schäumen vor Wuth sich in ihrer Nichtswürdigkeit enthüllt zu sehen; was liegt daran! Meine Feinde mögen sehen, daß es ihnen nicht gelungen mich einzuschüchtern, und meine Freunde, daß ich getreulich und unbeirrt fortfahre die Aufgabe, die mir geworden, zu erfüllen!

Die schon früher mit den "Briefen von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense" veröffentlichten Tageblätter sind hier nicht wieder mit aufgenommen, da sie dem größten Theile der Leser als bekannt vorausgesetzt werden durften.

Berlin, im August 1861

Ludmilla Assing.

[S. ix]

Wer es unrecht findet, wenn Persönlichkeiten ohne Erlaubniß der Personen zur Schau gestellt werden, durch Briefe zum Beispiel, die man drucken läßt, der darf auch keine Kenntniß von dem nach seiner Meinung unrechtmäßig Mitgetheilten nehmen, oder er macht sich der Schuld mitschuldig. –Leset also dergleichen Bücher nicht! Geht nicht hin, wo ihr die Sitte und Behandlung zu tadeln findet!

Varnhagen von Ense.

(Den 11. August 1836.)

[S. 1]

1835.

Berlin, Dienstag, den 11. August 1835.

Die Volkswidrigkeiten dauern hier noch fort; daß man die Fenster beim Könige und der Fürstin Liegnitz eingeworfen, ist ein bedenklicher Fortschritt in der Dreistigkeit, früher wäre das nicht denkbar gewesen. Der Herzog Karl von Mecklenburg ist förmlich ausgezischt worden und mußte sich fortmachen. Die Leute riefen, die französische Revolution solle leben, Napoleon, die Freiheit, alles, was die Behörde verdrießen konnte.

In Frankreich wird der Mordversuch gegen Ludwig Philipp wieder auf das unsinnigste mißbraucht, anstatt nun muld und gesetzlich weiter zu gehen, sucht man augenblickliche Macht zu gewinnen, mit Umgehung oder Verdrehung des Grundgesetzes, – der unfehlbare Weg zum Sturze der Regierung! – Die Politik wird mir täglich fremder, und es wäre ein eigenes Geschick, wenn ein großer Umschwung mich noch wieder auf dieses Gebiet zwänge, nachdem ich es möglichst aufgegeben.

[S. 2]

Dienstag, den 18. August 1835.

Schlechte Verordnung gegen Volksauflauf. An Verboten hat es schon bisher nicht gefehlt! Jetzt ist nur noch die Möglichkeit erhöht, daß man auch unschuldig hart gestraft werden kann; wie soll man sich aber hüten, unschuldig zu sein?

Dienstag, den 25. August 1835.

Rühle's von Lilienstern "Bericht eines Augenzeugen über den Krieg von 1806" rasch wieder durchgelesen. Ein unendlich lehrreiches Buch und noch weit lehrreicherer Stoff! Wäre ich König von Preußen, diese Geschichte ließe ich sorgfältig bearbeiten, die größten Meister müßten ihre Kunst daran versuchen. Die Quellen des Unglücks wären schonungslos aufzudecken, ihr Verlauf einleuchtend darzustellen. Es geht aus der Betrachtung jener Zeit unwidersprechlich hervor, daß das ganze Unglück von 1806 niemand schuld zu geben ist, als einzig dem Könige selbst! Nur der König selbst konnte das Ganze übersehen und leiten, einen Willen haben und ausführen. Statt dessen ließ er die Untergeordneten sich streiten und abmühen. Die politische Leitung und die militairische waren da, wo sie Einheit werden sollten, vernichtet, und selbst die Gebrechen der Verwaltung, der Ernennungen u. s. w. kamen an den Tag. – Auch die Sammlung der Bulletins von Napoleon aus jener Zeit durchgesehen. Sie waren für den Tag berechnet, und für die Franzosen, diesem Zweck entsprachen sie. Großes ist nicht in ihnen.

[S. 3]

Sonntag, den 30. August 1835.

Die Politik widerwärtig. In Spanien wild! In Frankreich unsinnig! In Deutschland lahm! Nur in England tüchtig. Kalisch, Kalisch! Ganz jämmerlich! Kein Zweck, kein Ergebniß möglich. Spielerei, Soldaten zeigen; ein paar Possenreißer von hier, Tänzer, und der wiener Geiger Strauß, die Repräsentanten der Kunstunterhaltung. Gräßlich. Die Monarchen werden allerlei kleinen Mißwillen und Tadel gegeneinander fassen, die Truppen sich scheel ansehen, die Kosten bezahlt sein und damit die Sache zur Ruhe gehen.

Montag, den 31. August 1835.

Armes Leben in Berlin jetzt; trauriger Zustand in öffentlichem Betreff. Alles stockt, alles ist gedrückt, außer was ganz für sich bestehen und gedeihen kann, stilles Wissen und Denken, und vertrautes Gespräch! – In Frankreich große Spannung, das Ministerium spielt nicht sich allein, sondern die Monarchie. – Von der Zusammenkunft in Kalisch erwartet und fürchtet niemand etwas. Hier ist das ganze russische Verhältniß den Leuten sehr zuwider.

Mittwoch, den 2. September 1835.

Die Preßfreiheit der Zeitungen in Frankreich scheint verloren. Royer-Collard und Dupin sprechen vergeblich für sie. Es ist ganz richtig, damit das Haus Orleans falle, muß dergleichen vorangehen. Sie sagen, die republikanische Presse habe im Volk ungeheure Fortschritte [S. 4] gemacht; desto schlimmer! sind der Feinde schon so viele, warum sie noch vermehren durch alle die, welche es jetzt werden? Die ältern Bourbons machten es gerade so! Herr Thiers spielt eine elende Rolle!

Freitag, den 4. September 1835.

Der König hat die größte Abneigung, nach Kalisch zu gehen. Man fürchtet feindliche Anschläge; der Versuch in Paris hat allgemeinen Argwohn verbreitet.

November 1835.

In der Nacht vom 3. zum 4. November wurde bei Zürich der Leichnam eines jungen Menschen ermordet gefunden, achtundvierzig Stichwunden zählte man an ihm, die meisten in der Gegend des Herzens, noch eine größere Zahl hatte die Bekleidungsstücke durchlöchert. Dies alles ließ auf mehrere Thäter und auf den Gebrauch von Dolchen schließen. Der Ermordete war ein Flüchtling aus Preußen, der Student Ludwig Lessing, Sohn eines Kaufmanns in Freienwalde. Man vermuthtet, daß die andern Flüchtlinge in ihm einen spähenden Verräther, einen bezahlten Kundschafter der Regierung geopfert haben. Die Untersuchung blieb ergebnißlos.

 

Heute, den 22. Dezember 1835, im Gefühl des Unmuths und der Scham über die grausame, alle menschliche [S. 5] Rücksicht verleugnende Verfolgung, welche gegen junge Schriftsteller verhängt ist, denen man jedes auch noch so unschuldige Wort im voraus verbietet, die niemand vertheidigen oder auch nur im Guten nennen, aber jeder höhnen und schimpfen darf, – heute frag' ich mich, was aus dieser begonnenen Richtung werden, wohin sie führen und wie sie sich wenden wird? Und ich kann keine Vorstellung davon finden! – Ich weiß, alles wird anders, als man denkt; hier aber kann ich mir nichts denken, nicht den Fortgang, nicht den Stillstand, nicht den Rückschritt, und ich bin ordentlich neugierig, was ich in sechs Monaten, so Gott will, als Antwort mir werde drunter schreiben können! Denn einige Antwort wird alsdann doch wohl schon herangereift sein.

Den 22. Juni 1836.

Die harten, unsinnigen Maßregeln sind zurückgenommen. Die Namen dürfen genannt, die Schriften unter Zensur gedruckt werden. Der Jammer kleinlicher, chikanöser, hemmender Aufsicht, Hinschleppung, Widerspruchs, Ungewißheit dauert fort. Mundt's Buch, schon zensuriert, unterliegt einer neuen Zensur, und diese steht still! Laube darf sich als Redakteur des "Mitternachtsblattes" nicht nennen, obwohl die Behörden wissen und gestatten, daß er es sei. Der dritte Theil von Knebel soll nicht ausgegeben werden, ist es aber schon, und man läßt es dabei bewenden!

[S. 6]

1836.

Den 12. März 1836.

Durch den Baron Karl von Schweizer, den ich früher nie gesehen, empfing ich heute ganz unerwartet einen Brief des Fürsten von Metternich, einen schon sehr alten, denn er ist noch vom Dezember des vorigen Jahres. Der Fürst wünscht Aufschluß über das junge Deutschland, und was er darüber sagt, ist nicht ohne Liebenswürdigkeit und Geist. So schmeichelhaft das Ganze für mich gewendet ist, so traurig sind doch die allgemeinen Betrachtungen, zu denen ich dadurch angeregt bin. Ich sehe aus allem gleich die Unmöglichkeit, hier einen Boden des Verständnisses zu gewinnen; mündlich könnte noch manches aufgehellt werden, aber schriftlich ist es nicht zu leisten. Dennoch werde ich versuchen, wie weit es gehen kann; die Hauptsache wird sein, daß ich meine Ansicht kurz hinstelle, und es wird dann darauf ankommen, ob mir der Fürst glaubt, denn erweisen und durchstreiten läßt sich dergleichen nicht.

Ich sehe, daß große Befangenheit herrscht, und auch große Dürftigkeit; wie könnte mir sonst der Fürst den Baron Schweizer so anrühmen, den ich nach einem anderthalbstündigen Gespräch für einen mittelmäßigen Kopf [S. 7] erklären muß, der mancherlei auffaßt und nachspricht, und eigentlich nur der herrschenden Ansicht schmeichelt. Doch er ist im Kabinet des Kaisers von Rußland angestellt, und ist wohl deßwegen für den Fürsten von Metternich von einigem Interesse. Uebrigens scheint er mir harmlos und milde, und durch litterarische Liebhabereien sehr befriedigt.

Den 15. März 1836.

Ich ergehe mich in Goethe's "Wanderjahren" mit erneutem Genuß, mit wachsendem Staunen und Ertrag. Ein weiter großer Dom, nicht ausgebaut, aber in seiner Unvollendung schön und erhaben, heiter im Einzelnen, beruhigend durch Hindeutung auf ein zu erahnendes Ganze. Schätze der Weisheit liegen hier ausgestreut, Gaben der Schönheit in tausend Formen. Goethe ist ein wahrer Lehrer, ein starker, kundiger Menschenführer. Die Mannichfaltigkeit der Welt, die Fülle des Lebens lehrt er kennen, und zuletzt führt er auf weise Betrachtung, auf höchsten Seelentrost, auf wohlthuende Frömmigkeit zurück. Ich finde hundert seiner Sprüche und Schilderungen ganz biblischer Art und Kraft; der Dichter verschwindet fast unter dem weisen Lehrer, dem versöhnenden Vermittler, dem großen Verkündiger. Aber nicht nur das Größte und Wichtigste lehrt er, sondern auch im Besondern und Kleinen weiß er tausend Vortheile anzugeben, durch erfahrene Klugheit Schaden abzuwenden, Gewinn zu mehren. Ich habe mir in diesen Tagen Schätze und Rathschläge von ihm entlehnt, die dem nächsten Geschäfte der Viertelstunde wie vielleicht auch dem ganzen Jahre gleich heilsam sind. Große Gedanken und ein reines Herz sollen wir von Gott erbitten, [S. 8] sagt er einmal; wie schön! Dann wieder, der Mensch möge sich selbst etwas Gutes gönnen! – Wie wenig ist noch diese Seite in Goethe gewürdigt worden!

Ich finde, daß man in der Jugend allenfalls Leitung, Rath, Zuspruch und Unterricht entbehren kann, aber im Alter hat man das alles dringend nöthig! Lernen wird da zum höchsten Bedürfniß, und schon der ist geborgen, der in Ermangelung des wahren Unterrichts in Sachen, wenigstens mit einem äußerlichen in Formen sich hinhelfen kann, zum Beispiel eine neue Sprache lernt. Mir fehlt es nicht an Lust und Trieb; allein wohl die glücklichste Zusammenstimmung der Aufgaben und die Klarheit der einzelnen; mir kommt zu wenig in persönlicher Lebendigkeit, und alles nur in drängender Verwirrung und Zerrissenheit zu.

Montag, den 28. März 1836.

Alexander Humboldt war heute von 11 bis halb 2 Uhr bei mir, wegen der Vorrede zu seines Bruders Werk über die Sprachen; er nahm einige verbesserte Ausdrücke von mir an. – Ueber den preußischen Staat; wie es hergeht, was sich bereitet. Ueber den Kronprinzen, der seine wahre Denkart oft ganz verhehlt, seine Vorliebe für Personen oft geflissentlich verdehlt. Ueber Wittgenstein, den wir in die Wette loben. Ueber Witzleben, der geistesschwach geworden. – Der König hat seit vielen Jahren dem Bildhauer Rauch keine Bestellung gegeben, weil er höchst aufgebracht ist, daß dieser eine zweite Bildsäule der Königin angefertigt, ohne daß es ihm aufgetragen war; auch mußte er sechs Jahre auf die Bezahlung warten, und diese fiel sehr karg aus, etwa 8000 Thlr., anstatt 15,000, wie man dem Könige vorgeschlagen hatte. – Ueber die Königin, [S. 9], wie sich durch Uebereinkunft und blindes Nachreden ein so falsches Bild festsetzen könne, als das jetzt gäng und gebe von dem Karakter der Königin; wer sie gekannt habe, der wisse recht gut, daß sie nicht der harmlose, liebevolle Engel gewesen, sondern äußerst selbstsüchtig, verschlagen, und daher versteckt, wie die mecklenburgische Familie überhaupt. Dies sei auch zum Theil auf ihre Kinder übergegangen. Der König hat sie öfters rüdoyiert, aber sie gab Anlaß dazu. Die Unglücksfälle des Jahres 1806 und bald nachher der unerwartet frühe Tod der schönen und doch immer liebenswürdigen und auch guten und gutmeinenden Frau haben einen Heiligenschein auf sie geworfen, der ihr eigentlich gar nicht paßte und dem Könige seltsam und oft unbequem war, den aber auch jetzt noch niemand angreifen dürfte und möchte. – Ueber Radowitz und dessen Anstelung bei der Bundesmilitairkommission; er werde sie zu benutzen wissen.

Den 12. Juni 1836.

Wir leben von und in Einrichtungen, die wir mißbilligen. Das ist eine große Verkehrtheit, deren Nachtheile stündlich ausbrechen und einmal das größte Verderben herbeiführen müssen. Der Staat und die Einzelnen sind hier im gleichen Falle. Niemand kann dies ändern; denn wer die Einsicht hat, entbehrt der Macht, wer die Macht hat, der Einsicht. Verwahrloster, unbeseelter, geistleerer war unser Zustand 1806 nicht, als jetzt. Wir haben keine Richtung, keinen Zweck, keinen Willen. Wir leben vom Ertrag früherer Kraft und frühern Geistes, und ärgern uns, daß diese noch so stark fortleben, obwohl [S. 10] wir umkommen und in nichts zerfallen müssen, geläng' es uns, diese Nachwirkungen aufzuheben. Wir leben wie im Schlaf ohne Bewußtsein und Licht, das leibliche Leben kann dabei trefflich gedeihen und sich erholen, und erwacht vielleicht ausgeruht zu herrlichen neuen Arbeiten. Aber der Himmel wende unterdessen jeden Ueberfall ab, jeden Feind, jede Gefahr! Auch manche gefährliche Krankheit entwickelt sich vorzugsweise im Schlaf!

Welche Mittelmäßigkeiten ziehen sich nach oben immer mehr zusammen! Welche Schwächlinge, eitle, hohle, niedrige Schmeichler der Mittelmäßigkeit! Männer, die uns sonst nicht genügten, erscheinen uns in diesem Gegensatz als wahre Helden, als unerreichbare Größen!

In einem Staate, der vorzüglich auf seinem Kriegswesen beruht, von diesem seine Bezeichnung hat, sollte doch wenigstens ein Offiziersgeist, nicht ein Unteroffiziersgeist, vorherrschen!

Den 18. Juni 1836.

Blücher's Bildsäule war heute wieder, wie schon früher an solchem Siegestage, mit einem ungeheuern Kranze von frischem Eichenlaub umwunden. Ein angeheftetes Blatt enthielt bloß das Datum: 18. Juni 1836. Man weiß nicht, woher diese Festerinnerung veranstaltet wird; die Behörde scheint sich nicht darum zu bekümmern.

Herr von Melgunoff aus Moskau kam zu mir. Ein geistvoller, tüchtiger Russe, sehr Russe, aber wie Deutschland sie wünschen kann. Vor kurzem war der Früst Elim Mestschersky hier, in dem Weimarer Kreise sehr bekannt, edler und feiner Gesinnung und Bildung; dieser hat einge- [S. 11] sehen, daß in dem Kriegswesen und in der Diplomatie ihm kein erwünschtes Ziel dargeboten sei, und da sein Geist nicht ohne Thätigkeit zu bleiben vermag, und nach weltlicher begehrt, so hat er sich kurz und gut entschlossen, und sich den gewerblichen Interessen, denen der Gemeinnützigkeit und der Volksanstalten gewidmet. Kurz, ein wahrer Saint-Simonist, vielleicht mit Abscheu gegen den Namen! Seine Berichte und Vorschläge gehen unmittelbar an den Kaiser, der ihn sehr belobt. Was auf solcher Stelle mit solcher Begünstigung ein echter Eifer leisten kann, zeigt der Graf Stephan Széchényi in Ungarn.

Düsseldorf, Montag, den 11. Juli 1836.

Es ist ein herrlicher Zug von Goethe, der aus der Tiefe der reinen Frömmigkeit geschöpft, daß Faust durch die Vermittelung Gretchen's, der vorangegangenen Geliebten, selber zur Seligkeit geführt wird. Alles irdische Verbrechen, Gräuel und Schmach, die Bethörung, der Mißbrauch, die Verlassung, die Ermordung des Bruders, die Hindrängung zum Kindermord, der Tod durch das Schwert, – nichts, nichts von allem diesen Entsetzlichen vermag der einfachen, unwidersprechlichen Wahrheit entgegenzutreten, daß doch Liebe es war, welche Faust und Gretchen vereinigt hatte, diese Wahrheit ist eine ewige, nichts kann sie aufheben oder ihre Wirkung schwächen. Liebe war es, doch Liebe! die stärkste, alles Irdische weit überragende Liebe! Sie führt überschwengliche Verzeihung und Reinigung mit, die höchste Seligkeit bleibt ihr Preis. Eine tröstliche, erhabene Vorstellung, die mich vorgestern auf der Reise viel beschäftigte, mein bestes Denken und Sinnen erweckte, mir im tiefsten [S. 12] Herzen wohlthat! Ich war Goethe innig dankbar für die schöne Dichtung, die gleich einer Thatsache zu uns spricht. Ich machte unendliche Anwendungen ihres Sinnes, im Großen, im Kleinen. Wer mir dabei die Seele mit hellem Glanz durchleuchtete, wie im Heiligen schein, und doch so nah vertraut und zu meiner Stufe herabgestiegen, – ich will hier den geliebten Namen nicht hinschreiben!

Scheveningen, den 16. Juli 1836.

Ein katholisch-monarchisch Gesinnter suchte, mit aller bedauernden Milde für die der Gerechtigkeit verfallene Schuld den Satz darzuthun, daß Johannes Huß doch mit Recht durch die Kirche verdammt und getödtet worden. Wer sich gegen ein so großes Lebendige, dessen Geist die thätigsten Organe beseele, feindlich aufgelehnt, der sei ganz richtig von diesen Organen ergriffen und fortgeschafft worden. Allerdings! entgegnete man, das Recht liegt in der Macht, und ist diese nur gehörig ausgedehnt, so werden ihr auch die Formen, welche das Recht gleichsam ergänzen, nicht fehlen. Hat ein Räuber erst Gerichtshöfe und Schergen, so kann er seine Feinde ganz gesetzlich umbringen. So rechtfertigt sich denn auch die Verurtheilung Ludwig's XVI., der seiner Macht entkleidet nur klein und vermessen seinen Richtern gegenüberstand; er war kein König, wäre er noch König gewesen, so hätte er die Gerichtshöfe, die Gendarmen, die Kerkermeister und Scharfrichter zu seinem Gebot gehabt. – Hier trat eine Stille ein. So weit hatte der Erstere seinen Satz nicht ausführen wollen, die Folgerungen waren ihm zu groß, und er wußte doch nie, wo er sie abschneiden dürfte.

[S. 13]

Gewiß, alles Elementare und alles Organische hat und übt seine Berechtigung. Der Geist aber ist höher als beide, soll sie ordnen und mäßigen. Er allein gibt wahres Recht. Wo er nicht war, oder entweicht, nistet überall ein Unrecht, das sich zuletzt furchtbar als solches aus jeder Verleidung enthüllt und durch keine Formen zu hemmen ist.

Im Haag, dem 19. Juli 1836.

Hier in Holland übernimmt mich ein Gedanke, eine Ueberzeugung, die nicht rathsam wäre, laut zu sagen: ich denke immer, dieses ganze Land muß einmal preußisch werden, und wie es für Preußen fast nothwendig, so wird es für Holland glücklich sein. Bildung und Wohlstand würden unendlich dabei gewinnen. Wir haben wirklich den Völkern umher viel zu bringen, denen am meisten, die sich klüger dünken. Ich seh' es ein, ich, der ich uns nicht überschätze!

Am 22. Juli 1836.

Das Holland, welches den Spaniern und den Franzosen widerstand, das, dem der Handel Ostindiens und China's gehörte, das Holland der großen Mahler, das der Philologen, das der Naturforscher (Boerhaave, Camper), das der großen Staatsmänner (de Witt, Heinsius) und Seehelden (Tromp, Ruyter) – alles dieses Holland find' ich hier nirgends wieder! Ein abgeschwächtes, durch revolutionairen Einfluß und monarchische Leitung aus seiner Ursprünglichkeit herausgesetztes, kleines, [S. 14] kleinliches, aber reiches und von großen Ueberresten zehrendes Nebenland!

Ems, den 5. August 1836. Freitags

Abend um 7 Uhr

– Was für Eindrücke wurden mir in Nassau! Das alte Stein'sche Haus und sein Garten lassen sich stattlich genug ansehen, die Lage ist schön, man sieht, daß hier ein reiches, bedeutendes Geschlecht sich fortgepflanzt hat; aber doch wäre jetzt ein Haus und Garten in offener guter Gegend, vor den Thoren einer bedeutenden Stadt, weit vorzuziehen, und es giebt hundert schönere, befriedigendere Landsitze. Ganz erschrocken aber bin ich über den altdeutschen Thurm, den der Minister Stein zum Andenken der Befreiungskriege mit jahrelangen Anstrengungen und Kosten aufgerichtet, von dem unaufhörlich die Rede war, uind der auch mir immer als eine große Sehenswürdigkeit gerühmt worden ist. So was Klägliches und Geringes, Unzweckmäßiges und Geschmackloses habe ich mir nicht vorgestellt! Sich ein Studirzimmer zu bauen, ein Denkmal des wichtigsten Erlebten, einen Behaglichkeits- und Weihe-Aufenthalt, und nichts anderes zu Stande zu bringen, als diese Spielerei, muß das größte Mitleid einflößen! Die Außenseite will etwas versprechen, das Innere aber ist jämmerlich. Unten sind zwei kellerartige Badstübchen, tief hinab, mit Steinen ausgekleidet; einige bunte Glasscheiben verdüstern die unheimlichen Löcher noch mehr; jeder Mensch wird eine hölzerne Wanne in einem heitern warmen Gemach vorziehen! Enge, steile, hölzerne Treppchen führen in den ersten Stock, den ein mäßiges Schreibzimmer ausfüllt, [S. 15] mit einer hübschen Aussicht, für Bücher ist ein enger Mauerwinkel als Versteck benutzt, während niemand hinderte, einen großen Saal gleich daneben im Schlosse zu haben. Durch noch schlechtere Treppchen gelangt man oben hinauf, wo die Tafeln mit den Schlachttagen sind, und die Büsten der drei Monarchen. Die Büsten von Marmor sind schön, die Tafeln – goldne Buchstaben und Ziffern auf Eisenplatten – sind nicht übel; aber alles macht doch nur einen dürftigen Eindruck, als Denkmal selbst ist es gar nichts, eine Armseligkeit im Vergleich des Geschehenen, als Andeutung eines Denkmals ist es zu wenig von Geist und Einbildungskraft belebt, ohne künstlerische Eingebung, ohne solche, die den Karakter wenigstens ausdrückte. So nehmen sich auch im Schreibzimmer die Bildnisse sehr gering aus. Die ganze Anordnung zeigt, daß Stein ohne höheren Kunstsinn, ohne Geschmack und Schönheitsgefühl war. Die plumpe Bezeichnung genügte ihm. Man sagt, er hat hunderttausend Thaler für den Thurm ausgegeben. Und während noch das Gewicht seiner Persönlichkeit dabei war, ließen sich auch ordentliche Leute blenden und bewunderten das Ding, und meinten, es wäre was damit, oder sie heuchelten und schmeichelten auch nur dem Alten ganz gemein. Jetzt aber zuckt jederman die Achseln, die Dienstboten des Hauses lächeln spöttisch, und sagen unverhohlen, es sei mehr davon geredet worden, als die Sache verdiene! Die Bäder werden nie gebraucht, wiewohl im Schlosse täglich gebadet wird; die Aussicht im Schlosse ist schöner, die Zimmer geräumiger, anmutzhiger, besser gelegen; der Thurm steht ganz öde, die obere Fußdecke, von Marmorplatten, gar zu schwer, und mußte weggenommen werden, nun liegen die Balken aufgerissen bloß, Schutt an den Wänden aufgehäuft, und kaum vier Jahre ist der Be- [S. 16] sitzer und Erbauer todt, so fällt sein geliebtes Spielwerk schon wirklich in Trümmer, ist schon zur Ruine gemacht! – Sein Schwiegersohn, Graf von Giech, war eben anwesend; er und die Gräfin und einige Gäste aus Nassau saßen noch beim Mittagstisch, und ich mochte mich nicht anmelden lassen. Der Graf, Erbe schöner Besitzungen in Baiern, und auf welchen Stein auch sein vaterländisches Geschlecht und Besitzthum mitvererben wollte, hat keine Kinder und seine Linie stirbt mit ihm aus, für ihn ein unermeßliches Leid, welches ihm all sein Lebensglück zerstört! Aber noch größeres Unheil hat ihn erfaßt; er ist erst im Beginn der Vierzige und schon die Welt ihm völlig in Grabesnacht versunken! Er hat den schwarzen Staar. Seit einem halben Jahre ist er völlig blind, hoffnungslos, aber noch keineswegs darein ergeben, sondern angstvoll und jammernd! Der Unglückliche, Bedauernswerthe! – Dahin läuft nun aller Glanz und Ruhm und alle Herrlichkeit aus, welche dieses bedeutende Leben des Ministers Stein mit so großen Ansprüchen und Kräften seinen nächsten Angehörigen zu übertragen meinte! –

Dienstag, den 9. August 1836.

Alles Leben auf der Erde verliert sich in Dichtung; in den geistigen Duft einer schönen Blüthe. Alle Geschichte, im Augenblicke selbst, daß sie aufgefaßt wird, verwandelt sich zu jener Blüthe, und wird es immer mehr, je entschiedener, kräftiger die Auffassung geschieht, je weiter sie fortschreitet, je bedeutender und gedrängter sich ihr Bild darstellen soll.

[S. 17]

Das Persönliche schwindet ganz und gar; bei den unbedeutenden Personen in der Unbedeutenheit, bei den bedeutenden in der Bedeutenheit. Was ist ein bloßer Name in den Geschlechtsregistern der Bibel? Was sind Moses und Jesus, mit allen Schilderungen von ihnen und ihrer ewig dauernden Wirksamkeit? Keine Spur mehr von dem Persönlichen, das wir meinen, wenn wir von solchem sprechen! Ja, Napoleon, Fichte, Goethe, uns so nah und umständlich bekannt, sind doch eigentlich schon völlig mythische Gestalten. In allem, was von solchem Menschen überliefert wird, ist oft keine Spur seines wahren Wesens, und er selber kann sein innerstes Dasein weder in Schrift noch That erkennbar darstellen, er kann es nur wirken lassen und eingießen in die übrige Welt. Kein ergrübelter Gedanke, eine innere Anschauung und Erfahrung! – Wie gleichgültig werden Lob und Tadel für die Todten! Um der Lebenden willen müssen wir darauf halten. Unsre Sache ist es, die wir behaupten!

Donnerstag, den 11. August 1836.

Ueber Persönlichkeit und ihre Rechte nachgedacht. Ob und wie weit man einen Menschen erforschen darf? Uebereinkömmliche Sitte und Bescheidenheit setzen hier Schranken, aber bloß äußerliche, gesellschaftliche; von innen betrachtet, ist das Recht unbedingt. Der Mensch will gar nichts andres, als seine Mitmenschen erkennen, und er muß, auch ohne Willen und Bewußtsein, die Ziffern und Buchstaben lesen, welche die Natur ihm überall entgegenhält. Physiognomik, Kranologie, Stimme, Schrift, Ausdrucksweise, Lebensgeschichte, Anthropologie, Weltgeschichte, Dichtung. [S. 18] Die unwichtige Aeußerlichkeit will man auch nur meistens geschont wissen, das wichtige Innere kann man nicht hehlen noch schützen vor dem wahren Blicke, der dafür geschärft ist. – Ein jeder lumpiger, roher Gerichtshof, infolge elender, wechselnder Gesetze, soll das Recht haben auf den bloßen Anschein einer Verwicklung mit begangenem Verbrechen, alle meine Heimlichkeiten zu erforschen, meine Briefe, Verhältnisse, Gespräche, – und ein höchstes Interesse geistigen Antheils, reinsten Wahrheitsforschens, tiefsten Erkennens, sollte da zurückschrecken müssen? Der Grundsatz, que la vie privée doit être murée, außerdem, daß er feig und nichtswürdig ist, wird auch im Praktischen nirgends anerkannt, von keiner Behörde, von keiner Gesellschaft, von keinem Einzelnen. – Wer es unrecht findet, wenn Persönlichkeiten ohne Erlaubniß der Personen zur Schau gestellt werden, durch Briefe zum Beispiel, die man drucken läßt, der darf auch keine Kenntniß von dem nach seiner Meinung unrechtmäßig Mitgetheilten nehmen, oder er macht sich der Sache mitschuldig. – Leset also dergleichen Bücher nicht! Geht nicht hin, wo ihr die Sitte und Behandlung zu tadeln findet!

Ems, den 16. August 1836.

Prinz und Prinzessin Wilhelm (Auguste von Weimar) heute früh auf der Promenade begrüßt, die Prinzessin mich gleich erkannt, auf mich zugekommen, mit mir gesprochen, von Gesundheit, Reisen, Weimar, ihrer Mutter, und ob ich diese nicht besuchen würde? Die Prinzessin sieht leidend aus, der Prinz aber sehr gut. Die Fremden sind ganz erstaunt über das schöne stattliche Paar, das in der That [S. 19] den vortheilhaftesten Eindruck macht. – Der Wetteifer und die Jagd der Vornehmen und Halbvornehmen geht nun auch schon los, das Drängen, Nähern, Folgen, das Bitten und Warten, um einen Blick, ein Wort zu gewinnen. Die Gräfin von R[edern] wird besonders in diese Sonnenwärme von ihrem Gatten gedrängt, darf aber auch nicht verschmähen, mit Herrn Anselm von Rothschild auf und ab zu gehen. Ich sehe das alles immer mehr mit Rahel's Augen an, neugierig für Altbekanntes, scherzhaft im tiefsten Ernste, mitleidig bei größter Würdigung! Die Leute wundern sich, mich mit der Prinzessin so bekannt zu sehen, und mich doch so zurückhaltend zu finden; wenn sie erst wüßten, daß meine ganze Sorge ist, jede Einladung abzulehnen! Freilich war auch ich in diesem Betreff sonst anders gestimmt; doch Krankheit und Verdrossenheit helfen der Weisheit nach! – Mit dem Prinzen Wilhelm viel gesprochen, von Reisen, von Oesterreich – österreichische Prinzen voriges Jahr in Schlesien – von den Franzosen, von meinen Schriften (ich wende es in Scherz), von Goethe – ich hatte Uhland's Gedichte in der Hand. Der Prinz reist morgen nach Berlin, die Prinzessin bleibt vier Wochen. Die Prinzessin Abends auch wieder sehr freundlich mit mir gesprochen.

Berlin, den 15. Oktober 1836.

Ich bin versichert, daß eine Zeit kommen wird, wo man die Spöttereien und Ausfälle gegen die Mythen und Kirchenformen des Christentums, wie sie zum Beispiel Voltaire, Friedrich der Große, d'Alembert verübt haben, gutmüthig und ohne Aergerniß ansehen, ja ein frommer [S. 20] Christ sich daran mit Beifall ergötzen wird, wie schon jetzt an den naiven, derben, oft unehrerbietigen Behandlungen, welche jenen Gegenständen vom Volk und von Volksdichtern und Volkspredigern immerfort widerfahren sind. Denn im Grunde meinen es jene Männer doch vortrefflich, ihre Polemik geht aus einem religiösen Streben hervor, und was Christus meinte und wollte, ist dem Wesen nach mehr bei ihnen, als bei ihren Gegnern, die nur den Namen von Christus tragen und entwürdigen. Oder meint man, dem Gottgesandten sei an seinem Namen mehr gelegen, als an seinem Wesen? und die seinen Namen schimpfen, weil er ihnen etwas bezeichnet, was Christus in Wahrheit nicht ist, seien deßhalb seine Feinde? – Jene Zeit ist gewissermaßen schon jetzt da, im Einzelnen. Man sehe, was Saint-Martin von Voltaire sagt! Und Schleiermacher's Schwester, eine fromme Herrnhuterin, hatte die größte Liebe zu Friedrich dem Großen.

Den 20. Oktober 1836.

Heute bin ich mit dem Leben der Königin Sophie Charlotte im Entwurfe fertig geworden. In kaum sechs Wochen, bei so vielem Unwohlsein, so vielen andern Arbeiten, Briefen, aufgedrungenen Büchern, Besuchen – wahrscheinlich rasch genug, mir selbst ein Wunder! Ich habe gute Stunden dabei gehabt, geistig erwärmte, voll Anerkennung und Liebe, das ist das Beste dabei; denn das litterarische Hervortreten wird mir immer unbefriedigender und lästiger; wiewohl es zum Schreiben stets ein erster und nachhaltiger Antrieb ist.

[S. 21]

Den 3. November 1836.

Ein hiesiger Student hat an den gewesenen französischen Minister Thiers ein Belobigungsschreiben gerichtet, daß er seinen Abschied genommen. Auf der Post hier ist der Brief geöffnet und zurückbehalten worden. Der Student wurde vom Senat der Universität verurtheilt, hier nicht weiter studiren zu dürfen. Bei Gelegenheit dieses Vorganges kam es zur Sprache, daß hier in allen Behörden der frühere freie und selbstständige Geist erstickt sei, daß namentlich die Gelehrten überall nur die dienstfertigste Knechtsgesinnung zeigten, und nirgends mehr ein kühnes wackeres Wort gehört werde; bei den Offizieren, in der Justiz, und in den Regierungen nun gar, sei gleichfalls die angstvollste Demuth; und der ganze Staat sei bloß dadurch ein anderer geworden, daß man seit zwanzig Jahren nur in einer gewissen Richtung befördere, belohne, vorziehe, sodaß nun in allen wichtigen Aemtern nur Leute stehen, die alles gutheißen und thun, was oben grade in Gunst ist. –

Berlin bedarf einer freien Entwicklung, oder einer großartigen, geistvollen Machtleitung. Beides fehlt.

Den 6. November 1836.

Verwegnes Unternehmen des Sohnes von Louis Bonaparte und Hortense in Straßburg. Der Streich ist völlig mißlungen, und mußte mißlingen. Er deutet aber dennoch vielleicht auf einen künftig gelingenden hin! Die Leute sogar, die das Unternehmen verabscheuen und verlachen, können dadurch zu absonderlichen Gedanken erweckt wer- [S. 22] den. Es liegt immer eine Warnung für Ludwig Philipp darin.

Den 7. November 1836.

Alle Anzeigen, die ich von Gans' "Rückblicken" lese, machen mir Verdruß und Aerger. Mündlich bekomme ich vortreffliche Worte der Anerkennung zu hören, einsichtsvolle Bemerkungen, gebührendes Lob; gedruckt hab' ich noch nichts Zureichendes gesehen. Unser Gelehrtenvolk wird mit jedem Tage stupider; die herbe Dienstbarkeit, in der die Regierung dasselbe hält, wirkt unaufhörlich im Stillen fort, und trocknet den Rest der noch flüßigen Freiheit auf; servile Pedanten freilich können das Buch von Gans nicht würdigen! Aber auch die jüngern, zum Theil noch freien, noch kämpfenden Litteratoren wissen durchaus nicht, worauf es ankommt; sie wissen nichts von der Welt, sie kennen die Stoffe nicht, welche Gans behandelt, noch die Ausdrucksweise, deren er sich bedient. Das Buch von Gans ist ein frischer Durchschnitt, an dem sich ein großer Theil unsres heutigen Weltinhalts klar erkennen läßt. Die Form ist leicht und angenehm, wie von einem Künstler, von einem Meister, aber der Inhalt ist tief; nur ein Philosoph und Staatsgelehrter konnte diesen in der heutigen Lebensgestalt so erkennen, ihn so herausziehen, bilden. Wo wir über irgend eine ältere Zeit solches Buch finden, greifen wir mit Eifer danach. Die rechten Leute thun dies auch jetzt, und wissen die "Rückblicke" wohl zu schätzen, die rechten Leute aber schreiben nicht immer. Es thut mir leid, daß Gans diese Erfahrung machen muß, die doch in Deutschland fast keinem Schriftsteller erspart bleiben. [S. 23] Unsere Landsleute sind schrecklich; erst urtheilen sie nur nach Autorität, und dann wieder lassen sie keine gelten! Alles nur gebrochen, versplittert, zweideutig, mittelmäßig, bedingt, halb, kümmerlich, – das ist deutsch! Wie frei, allgemein, gleichzeitig und vollständig ist ein litterarischer Erfolg in Frankreich und England! Wie wird der Autor seines Werkes froh und, was noch mehr ist, seines Lebens! – Ich habe schon oft gedacht, ich wolle einmal das rechte Wort über Gans zu sprechen versuchen; aber es geht fast nicht, er hat mich zu oft genannt. Das Publikum nimmt das wiederum falsch. – Ich finde in dem Buche sogar den Karakter des Verfassers von der besten Seite wieder: bei äußerlichen Mitteln einer starken Persönlichkeit doch nur ein bescheidenes Maß in der Tiefe; ein Sinn der Gerechtigkeit und Milde, wie er in der Welt selten ist; ein Herz voll echter Güte, das einen doppelt freut bei so eminentem Geist!

Den 9. November 1836.

Seit dem letzten Kriege hat in Preußen der öffentliche Geist, das freie Leben, der heitre frische Sinn immerfort abgenommen. Die guten Eigenschaften und Anlagen dieses Staats und seiner Bewohner sind gleichsam verhüllt. Man muß aber nicht glauben, daß sie verschwunden sind. Kommt die Gelegenheit einmal, wo die Verhüllung weggezogen wird, oder fällt, so wird man sehen, was alles da ist und hervortritt, und man findet es wohl gar im Stillen gewachsen. Unter Godoi's Herrschaft konnte man die Spanier nicht sehen, die nachher dem Kaiser Napoleon widerstanden und in Cadix ihre Konstitution zu Stande brachten. [S. 24] Aber das plötzliche Hervortreten des lange Unterdrückten ist immer eine gefährliche Krisis, ein Wagniß und Verderben!

Während nun unsre Behörden und Privaten, sofern sie an den Tag treten, so vorzugsweise servil, frömmelnd, beschränkt und mittelmäßig dastehen, daß man aus diesen sichtbarsten Lebenskreisen fast alles Leben geschwunden glauben muß, hat dieses Leben ohne Zweifel schon längst wieder seine Stellen gefunden, wo es im Stillen frei und kräftig sich entfaltet, geschützt durch die Unsichtbarkeit, in der es noch neu und jung sich bewegt! Welches diese Stellen sind, können wir freilich nicht sagen, wenn wir auch vielleicht sogar in ihnen theilweise mitleben. Das Wichtigste des Augenblicks weiß selten der Augenblick. Die ganze Römerwelt wußte nichts vom Leben und Tode jenes jüdischen Lehrers, dessen Namen einst in ihr herrschen sollte. Und als Napoleon Bonaparte in die Schule zu Brienne aufgenommen wurde, dachte niemand in Frankreich an die Verbindung der Geschicke dieses Jünglings und der ganzen Nation. Nun grade so groß brauchen die preußischen Lebenskeime, von denen ich rede, nich zu sein, auch nicht so einzeln persönlich!

Das Schlimmste in Preußen ist, daß alles stockt, daß keine Richtung lebendig und eifrig verfolgt wird, daß auf keiner Seite entschiedener Vortheil, frischer Gewinn ist, daß auch die am meisten Begünstigten ohne freudigen Trieb und kräftigen Genuß bleiben. Was gedeiht, gedeiht aus ganz allgemeiner Lebenskraft, ohne Absicht und Bewußtsein, gleichsam nur als Stoff eines künftigen Genusses und Zustandes.

[S. 25]

Sonnabend, den 10. November 1836.

"Dieses Thier, Staat genannt, stellt sich überall unsern Schritten zähnebleckend entgegen und läßt uns nicht durch; vor ihm sicher ist nur, wer ihm auf den Rücken springt und sich als Ungeziefer von ihm nährt. Aber wie schmählich ist eben das!" So sagt' ich gestern im Eifer zu [Dr. Mundt], und das Bild fiel mir dann erst auf, als wahr und treffend.

Man rühmte, daß die Engländer unsre deutschen Naturforscherversammlungen nachgeahmt, und bei jenen käme viel Werthvolleres heraus, dagegen unsre noch gar nichts bewirkt hätten. Ich fragte ganz einfach, ob unsre denn nicht jene bewirkt hätten, bei denen ja so viel herauskäme?

Alexander von Humboldt gesprochen. Er ist sehr zufrieden mit Jena. Die dortige Versammlung war die beste und schönste, die er mitgemacht.

Mittwoch, den 30. November 1836.

Die "Theodicee" von Leibnitz ist ein Buch eigner Art und eignen Werthes, wie kein andres mehr zu finden ist. ein außerordentlicher Geist läßt sich darin zu gewöhnlichem Verständniß herab, und giebt dabei gleichsam seine Außerordentlichkeit auf. Wir sehen diese nur im Verschwinden, wie den Reichthum eines Spielers, indem er ihn verliert. In der That begiebt sich Leibnitz hier seiner größten Vortheile, seines spekulativen Geistes, seines freien Aufschwunges, um in hergebrachten Annahmen und gangbaren Ausdrucksweisen sich dialektisch zu bewegen. Was er herausbringt, ist im Grunde nicht viel; es war nicht nöthig, so großen philosophischen Aufwand zu machen, wenn es bloß darauf [S. 26] ankam, die Offenbarung zu bestätigen. Allein, wenn es sonst heißt, le jeu ne vaut pas la chandelle, so kann man hier den Satz umkehren, und sagen, la chandelle vaut le jeu. Leibnitzens Thätigkeit und Verfahren ist lebendig, anmuthig und fruchtbar, er setzt die wichtigsten Gegenstände in Bewegung, wobei mehr als die von ihm aufgestellten Ergebnisse gewonnen wird. Der Reichthum seiner Kenntnisse und Einsichten, die Vielartigkeit seines Geistes, die Gewandtheit seines Ausdrucks kommen herrlichst an den Tag. Er hat auch die reichste und angenehmste Belesenheit in diesem Buche ausgestreut. Das ganze Buch ist liebenswürdig, als Unterhaltung vortrefflich, ein Schatz für seine Zeitgenossen, wenn auch als wissenschaftliches Werk nicht gewichtig und streng genug. Zum größten Vortheil gereicht dem Buche, daß die Königin Sophie Charlotte zu seiner Entstehung mitgewirkt; zum größten Nachtheil, daß die Ausführung sich allzu sehr und immervort an Bayle heftet, der nur eine vorübergehende Macht seiner Zeit und in dieser schon eine halb aufgedrungene war. So trägt das Buch durchaus die Bedingungen seiner Zeitumstände, lebt und gedeiht und krankt und stirbt an ihnen. Wer es jetzt mit freiem Sinn liest, wird den größten Gewinn davon haben. Die vortrefflichsten Sachen stehen darin, die herrlichsten Einzelheiten.

Dr. Guhrauer hat mich zuerst aufmerksam gemacht, daß Leibnitz in der "Theodicee" von Johannes Angelus Silesius spricht, und namentlich die Sprüche des Cherubinischen Wandersmannes anführt. Seit zwanzig Jahren beinah ist von diesen Sprüchen wieder die Rede, in weiten Kreisen sind sie bekannt geworden, alte und junge Gelehrte haben davon gesprochen, niemand aber hat jene Stelle von Leibnitz erwähnt, also wahrscheinlich auch niemand sie [S. 27] gekannt. Welche Voraussetzung bringt sich hier mit! daß in zwanzig Jahren in Deutschland jenes berühmte Buch von Leibnitz gar nicht gelesen worden, so gut wie gar nicht, da jene gewiß merkwürdige Notiz niemals hervorgetreten ist. Wie viele unsrer besten Schriftsteller werden fast nur noch genannt, aber kaum gelesen! Besonders unsre Jugend liest fast gar keine ältere Autoren. Klopstock, Wieland, Lessing sind sehr in diesem Falle, ja sogar auch Fichte, Friedrich Schlegel, Herder. Hier lassen sich wichtige Betrachtungen anknüpfen, über die Jahreszeiten in der Litteratur, die Wetterstände, Strömungen, die Wiederkehr der Perioden. Offenbar tritt für Leibnitz wieder eine günstigere Zeit ein; Guhrauer und Erdmann sind schon Beweis dafür. Hab' ich doch ebenfalls grade jetzt das Leben der Königin Sophie Charlotte bearbeiten müssen!

Daß Rosenkranz an eine Ausgabe der Werke von Kant erinnert, ist auch nicht unbedeutend. Nachdem man sich gewundert, was alles und wie lange die Menschen vergessen können, kann man sich gleich wieder wundern, auf was alles und wie fernher sie zurückkommen!

Immerzu! Nur Fleiß und Thätigkeit unverdrossen angewandt! Es geht nichts verloren, was einmal tüchtig geleistet worden, und der Schatz des Guten mehrt sich immer!

Sonnabend, den 17. Dezember 1836.

Unser Kunstwesen zeigt seine Hohlheit immer bedenklicher, auf allen Seiten kracht es, senkt es sich, berstet es. Von allen Seiten sieht man sich nach Hülfe um. Die Künstler klagen, daß sie nichts verkaufen können, die Schüler schmälern den Erwerb der Meister, die Liebhaber behaupten, daß die gekauften Bilder dunkeln und schlecht werden. Der gemachte Enthusiasmus will nicht mehr vorhalten. Hört man ein Urtheil, so ist es sicherlich der Widerhall einer Stimme vom Hofe her. Die Kunstschreiber stehen auch unter diesem Einfluß. Ganz Berlin läßt sich sein Urtheil von einigen Leuten machen, die vielleicht einige Kenntniß, aber wenig Geschmack und dafür sehr viel Anmaßung haben.

Freitag, den 23. Dezember 1836.

Ich bin auf die Betrachtung gekommen, daß nach allen großen Kriegen in Deutschland gleich die Aristokratie wieder mächtig wird. So nach dem dreißigjährigen Kriege, nach dem siebenjährigen, nach dem Befreiungskriege. Friedrich der Große merzte sogar die unadelichen Offiziere aus seinem Heere aus. Nach dem Befreiungskriege begann in Preußen unmittelbar wieder die Adelsherrschaft, und ist seitdem ununterbrochen gestiegen, trotz aller scheinbaren Beispiele, die man für das Gegentheil aufbringen möchte. Der Dr. Erhard erzählte von einem Kerl, der betrunken aus einem Branntweinladen heraustaumelte, und als er den Kanonendonner wegen der Einnahme von Paris hörte, gleich ausrief: "Da hört ihr's, der Krieg ist vorbei, die Adlichen haben gesiegt!" Erhard meinte, dieser Kerl habe die tiefste Staatseinsicht bewiesen.

Obige Betrachtung ist sehr einfach und natürlich. Das kleinste Tagesereigniß kann sie geben. Jede Bewegung, Noth, Eile gleicht die Stände aus, hebt die Talente hervor. Nachher treten gleich die Unterschiede wieder ein. [S. 29] Der Begünstigte, auch wenn er erst eben heraufgekommen, sorgt dafür.

Montag, den 26. Dezember 1826.

In den Memoiren von Mackintosh und in den Briefen der Sévigné gelesen. Auch im Neuen Testamente gestern den Anfang der Apostelgeschichte. Ich mußte mich oft verwundern und meine Betrachtungen anstellen. Das Alte Testament ist viel klarer, derber und eigenthümlicher, als das Neue. Beide Bücher können und werden noch lange vorhalten; aber nicht immer, es wird eine Zeit kommen, wo es unmöglich sein wird, jenen Inhalt in solcher Form zu verbrauchen; man wird die Form als solche bewahren und in unschätzbarem Werthe halten; aber den Inhalt wird man unvermeidlich in andere Form gießen. Eigentlich thun das die kirchlichen Anstalten und Lehrer schon immer, Erbauungsbücher und Dogmatiken sind Versuche, aber nur im Kleinen. Die katholische Kirche ist am weitesten gegangen, sie verbietet dem Laien das Lesen der Bibel. Ich bin überzeugt, der nächste große religiöse Fortschritt kommt nicht aus dem Protestantismus, sondern aus dem Katholizismus, er hat mehr Zeugungskraft, in die er freilich sein eigenes Bestehen mitverwendet!

Dienstag, den 27. Dezember 1836.

Die Seite Schleiermacher's, von der er am merkwürdigsten und bedeutendsten ist, hat noch gar keine Beachtung gefunden. Was er als Gelehrter, als Prediger, als Schrift- [S. 30] steller, überhaupt als Mann von Geist und Wissen war, lasse ich gern in seinem höchsten Werthe gelten; doch erscheint es mir nur als die glänzende Ausstattung, die er zu seinen eigentlichen Lebensgeschicken mitbekam. In diesen letztern, in den Aufgaben, die er als Mensch in der Sphäre des rein Menschlichen zu verarbeiten hatte, liegt seine höhere Bezeichnung, sein größtes Interesse für die Welt.

Er hatte große und mannichfache Schicksalslasten zu tragen, er erlag ihnen zum Theil. Daß er zu diesen Bezügen ausersehen war, sie in ihm so rauh zur Sprache kamen, bezeugt ihm eine nahe Verwandtschaft mit den Himmelsmächten, welche diese Loose niederstreuen. Dieses Schicksalsreiche hat die Welt an Schleiermacher bisher fast ganz übersehen. Es kommt aber nur darauf an, den Blick dahin zu leiten, und jeder wird es leicht erkennen.

Schon die Mißgestalt seines Körpers war für diese feine und schöne Seele eine grausame Einhüllung. Er empfand diese Widrigkeit tief, von der Jugend bis in das Alter. Er glaubte auch fest, daß dergleichen zurückwirke, und sagte einst in Halle, er getraue sich in allem was er schreibe, ja fast in jeder Periode, eine schiefe Richtung, einen mangelhaften Fleck, eine Spur von Gebrechen nachzuweisen. In seinen Beziehungen zu Frauen hatte er ohne Unterlaß diesen Uebelstand zu empfinden, zu bekämpfen.

Seine Leidenschaft zur Predigerin Grunow hatte das größte Schicksalsgepräge. Fast niemand weiß jetzt noch diese Geschichten, nur sehr wenige Personen waren überhaupt darein eingeweiht. Doch dürften die urkundlichen [S. 31] Zeugnisse davon einst noch bekannt werden*); sie sind irgendwo verwahrt.

Tragischer noch waren die Vorgänge in seiner nachherigen Ehe, die Geschichten mit Marwitz, mit der Fischer. Wer diese Sachen unter den richtigen Gesichtspunkt zusammenfaßt, wird gestehen, daß Schleiermacher furchtbar kämpfen und leiden mußte sein ganzes Leben hindurch. Das Edelste und Beste wandte sich ihm zur Qual, in ihm und außer ihm widerfuhr ihm das.

Aber auch in derjenigen Richtung, die am offensten zu Tage lag, am meisten Erfolg und Gedeihen erwies, in seiner wissenschaftlichen, theologischen, schriftstellerischen Bahn, in seinem Geisteswirken, hat er ein schweres und hartes Verhängniß erduldet. Der Sturm der Welt, in den er seine eigenen Kräfte mitgeliehen, den er gewissermaßen mitaufgerufen, hat ihn krumm wie einen Haken gebogen, dessen Spitze nun ganz umgewendet dahin zielt, wohin sie nie ziehen wollte. Man kann behaupten, Schleiermacher zumeist und fast allein hat es bewirkt, daß die Religion in der gebildeten Welt, in der geistreichen und litterarischen, wieder Wurzel gefaßt hat. Was er aber als Religion meinte und gab, ist kein Geheimniß. Sein Geist und seine Bildung vermochten das neue Band zu knüpfen. Was aber geschah? Die Welt war gieriger, die Rechtgläubigkeit kräftiger, als er gedacht. Sie ergriffen den Vermittler, und rissen ihn in der Bahn, die er geöffnet, mit unwiderstehlicher Kraft fort. Er wehrte sich, so gut er konnte, fand aber den Punkt nicht, wo er wirklich widerstehen, noch den, wo er ausscheiden konnte; um

[Fußnote am Ende der Seite:]

*) Sie sind seitdem bekannt geworden. "Aus Schleiermacher's Leben. In Briefen." (2 Bde., Berlin 1858.)

[S. 32]

nur nicht unterzugehen, mußte er täglich mehr von seinem ursprünglichen Sinn abweichen, täglich mehr sich in das einhüllen, was er hatte abwerfen wollen, täglich künstlichere Ausflüchte suchen, und dann doch größere Lasten der Heuchelei und Anbequemung auf sich nehmen. Zuletzt hatte er, ohne daß seine Gesinnung und Denkart sich im geringsten geändert hatte, die Liturgie angenommen und der Rechtgläubigkeit sich unterworfen! Welch ein Geschick, welch eine Wendung für ihn, der vom "Athenäum", von der "Lucinde", vom "Platon" ausgegangen war, und eigentlich noch immer bei diesen stand! Für ihn, der die Bibel hatte beseitigen wollen, sie aufzulösen versucht hatte! Für ihn, dem das klassische Alterthum doch die liebste Beschäftigung gewesen, und der lieber weltliche Dichtungen als geistliche Reden geliefert hätte! Er war einmal Theolog, Kandidat, Prediger; er konnte sich leicht und erfolgreich in dieser Sphäre bewegen, er konnte diesen Boden auch nicht sogleich missen, drum blieb er dabei. Und dafür wurde er mehr und mehr eingefangen und fortgetrieben in das ihm Widerwärtigste. – Viele Jahre ging er mit dem Vorhaben um, als Hauptwerk seines Lebens einen Roman zu schreiben, wie etwa "Wilhelm Meister" einer ist; als Studien dazu wollte er vorher ein paar Bände Novellen liefern, die besonders auch das Leben der untern Stände schildern sollten. Er hat mir oft davon gesprochen.

[S. 33]

1837.

Freitag, den 6. Januar 1837.

Neuer Angriff auf den König der Franzosen. Am Hof und in der Diplomatie hier ist große Bestürzung; im eigentlichen Publikum, das heißt die freien Leute, oder wo die gebundenen sich einen Augenblick als freie ansehen, macht man sich nichts daraus, ja lacht dazu. Eigentlich ist eine recht schlimme, ja furchtbare Stimmung in der Menge, schreckliche Gleichgültigkeit und dumpfer Trotz, der nur nachgiebt, weil er muß, aber den Zeitpunkt erwartet, wo er es nicht mehr braucht.

Sallustius, Tacitus, Livius, – eine uns fremde Welt! Im Zusammenhange rasch hintereinander gelesen, machen diese Autoren einen unglaublichen Eindruck. Niebuhr meinte einmal gegen mich, er zweifle, ob jetzt jemand, außer ihm, den Livius wirklich ganz gelesen habe, und war sehr verwundert, als ich ihm sagte: Ich. Es gehört aber Muth dazu, wenn man philologisches und kritisches Interesse hat, dies so ganz beiseite zu werfen; thut man das nicht, so geht der Eindruck unrettbar verloren.

[S. 34]

Donnerstag, den 19. Januar 1837.

Platon's Bücher vom Staat wieder vorgenommen. Der Inhalt liegt uns ganz nahe, aber die Form rückt ihn in unangemessene Weite. Anwendbar ist davon nichts, aber brauchbar alles, ja unentbehrlich.

Gar ein schönes Buch ist Fichte's von seinem Sohne beschriebenes Leben; das Herz quillt über von Verehrung und Liebe für den herrlichen Mann. Das Buch ist so wenig gekannt, und sollte in jedermans [!] Händen sein, der diesem Inhalt gewachsen ist. Es sollte wenigstens drei, vier, sechs Auflagen erlebt haben!

Sonnabend, den 21. Januar 1837.

Alexander von Humboldt tief betrübt über den Tod des Mahlers Gérard in Paris; ergrimmt und empört über unsre hiesigen Zustände. Wenn in der allgemeinen Stagnation noch etwas geschiht, so ist es gewiß nur jammervolles! Professor Stenzler in Breslau, der Sanskritgelehrte, ist abgesetzt, weil entdeckt worden, daß er vor zehn Jahren zur Burschenschaft gehört hat! Diese Untersuchungen werden mit Gehässigkeit, Unverstand und mit Verletzung aller Gerechtigkeitsformen geführt; die ganze Justiz ist bei uns demoralisirt; das Kammergericht hat bei diesen Untersuchungen seinen alten Ruf vollkommen eingebüßt. Ich kann über die Thatsachen nicht urtheilen, aber die Wirkung im Publikum ist unleugbar. Herr von Kamptz soll auf das Verderben unserer Justitz den größten Einfluß gehabt haben, und man sagt es laut, da sehe man es, was für ein Schaden es sei, wenn ein dummer, unfähiger Mann auf hohem Posten stehe.

[S. 35]

Der Zensurjammer nimmt auch kein Ende. Der Zensor John ist erfinderisch in neuen Quälereien, er ist witzig in Anwendung stets neuer Chikanen, Bedenklichkeiten und Weitläufigkeiten. Wenn er nicht von Tollheit befallen ist und aus Verrücktheit handelt, so ist er ein infamer Schuft!

Den 22. Januar 1837.

Gestern schrieb ich Schimpf und Schande gegen den Zensor John; heute lese ich seine Ehre in der Staatszeitung, er hat beim heutigen Ordensfeste den Rothen Adler vierter Klasse bekommen. Ein Mensch, der die Büberei ausgeübt hat, nach unsrer Besitznahme von Sachsen eine Schmähschrift gegen Preußen zu verfertigen, heimlich drucken zu lassen, in der Provinz zu verbreiten und dann bei der preußischen Behörde die Personen polizeilich anzugeben, bei denen die Schrift sich fand! Die Geschichte ist nicht nur so erzählt, sondern gerichtlich erwiesen und der Anstifter mit namhafter Strafe belegt worden. Aber nun ist doch der Herr Geheime Hofrath John das liebe Kind und Ritter des Rothen Adlers, wenn auch nur der neuen untersten Klasse! Und das soll nun doch eine Ehre sein? Wohl bekomm's!

Ich habe den ganzen Tag rein vergessen, daß heute Ordensfest war. Wie schön! – Ich freute mich, daß der Himmel etwas heiter wurde, daß mir Dr. Guhrauer seine Leibniz'sche Schrift brachte, daß ich etwas schreiben konnte.

Mit Lesen ging es mir sehr schlecht. Ich hatte den Suetonius genommen, war aber zu krank für den Gräuel. Welch ein Abschnitt der Menschengeschichte ist das! Und daß unter diesem gräßlichen Fell die zarten Fibern des [S. 36] Christentums wuchsen und gediehen, diesen Trost muß man hinzudenken, der römische Geschichtschreiber weiß davon nichts.

Man ist hier wüthend über die Entweichung der zu Frankfurt am Main gefangen gewesenen Studenten. Man beschuldigt die Behörden, diese Flucht begüstigt zu haben. Gestern stand in der Staatszeitung ein angeblich aus Frankfurt eingesandter, aber hier geschmiedeter Artikel über das Ereigniß, voll plumper Wuth, erbärmlich bis zur Lächerlichkeit.

Freitag, den 27. Januar 1837.

Sie sind hier am Hofe ganz wüthig über die Freisprechung der Bonapartistischen Aufrührer durch die Geschworenen in Straßburg; sie schreien über Unsinn, Schändlichkeit, Verrath, sie thun, als wenn nun alle Ordnung und Gesetzlichkeit bedroht wäre. Aber als der Graf Kergorlay vor Gericht stand und seine Schuld nicht nur eingestand, sondern noch steigerte, und doch freigesprochen wurde, als die Vendeer Aufrührer von nachsichtigen Geschworenen, trotz offenbarer Thatsachen, für nicht=schuldig erklärt wurden, da waren jene Schreier sehr zufrieden, billigten und rühmten den Spruch. Und als Louis Philipp die Herzogin von Berry den Gerichten entzog und freiließ, selbst neuerdings, als er den jungen Bonaparte straflos fortschaffte, da thaten sie alle, als wäre das ganz natürlich und recht. Und doch hat Louis Philipp durch dies Verfahren augenscheinlich die Landesgesetze gebrochen und seine Willkür über sie gesetzt; die Geschworenen in Straßburg aber haben nur gethan, was sie durften, denn es ist ihr Recht, lediglich nach ihrem Gewissen zu [S. 37] sprechen, und die Männer wären verabscheuungswürdig gewesen, welche durch ihre Entscheidung über Vorgänge, deren Anstifter mit Ehren und ohne Strafe entlassen worden, die minderschuldigen Verführten unter das Beil der Guillotine geliefert hätten. – Die Schreier am Hofe sind aber auch wie die Geschworenen in Straßburg, sie urtheilen und sprechen nach ihrer Meinung, und was ihnen taugt oder gefällt, soll gelten.

Solche Aussprüche von Geschworenen und Richtern fallen übrigens alle Tage vor; in jeder Preßfreiheitssache, wo eine Freisprechung erfolgt, denn selten ist eine Anklage ganz grundlos; aber man will eben den Grund nicht gelten lassen. So sprach früher das Kammergericht die Umtriebe frei, die jetzt, bei viel geringern Thaten, unbarmherzig verurtheilt würden; so wurde Jahn von dem Oberlandesgericht in Frankfurt an der Oder freigesprochen, und Kamptz und Konsorten wollten unsinnig werden vor Wuth. Aber man will vergessen, man will nicht sehen, man will den einzelnen Fall als unerhörte Ausnahme stellen. Die Welt ist gewissenlos, sofern sie thätig ist. Goethe sagt, der Handelnde ist immer gewissenlos; er hat recht, das Gewissen gehört der Besinnung an.

[...]

[S. 38]

Mittwoch, den 1. März 1837.

Abscheuliche Verfügung unsres Polizeiministeriums gegen den Marquis Arconati-Visconti in Bonn, der darauf so- [S. 39] gleich das preußische Gebiet verläßt! Herr von Humboldt sagte gestern wiederholt und ganz laut, es sei für uns eine Schmach, daß wir einem Lande angehörten, wo dergleichen geschehen könne. Die Rochow'sche Verfügung ist wirklich nicht nur brutal und ganz unbegründet, sondern auch unsinnig. Dies ganze Verfahren ist empörend. Und gegen solcherlei giebt es jetzt in Preußen keine Hülfe!

Humboldt tadelte gestern sehr Ranke's Schreibart, es sei, als ob er eine fremde Sprache ungeschickt nachahmte.

Donnerstag, den 2. März 1837.

Mit größtem Antheil hörte ich heute von dem Gedeihen der landwirthschaftlichen Lehranstalt sprechen, welche der aus Jena berufene Professor Schulz in Neuvorpommern eingerichtet hat. Der treffliche Mann nimmt seine Sache ganz im Großen und eröffnet die reichsten Aussichten. Schon finden sich die Mecklenburger zahlreich bei ihm ein. Auch in diesem Zweige wird Preußen zum Vorbild und Muster, schon zum zweitenmale, denn bereits Thaer in Möglin hat früher das Seine redlich gethan. Professor Schulz meint, künftig würde niemand in Deutschland ein Landwirth sein können, der nicht studirt habe, und fünftausend höhere Landwirthe wären nicht zu viel für Deutschland. Das sind echt Saint-Simonistische Vorstellungen und Betriebe, und die größten Verbesserungen werden auf diese Weise in dem ganzen Gesellschaftszustande bereitet, still, unscheinbar, aber mächtig und sicher. Und immer ist es doch wieder Preußen, wo dergleichen betrieben wird, wo das Gute gedeiht, und für andere Länder mit; dasselbe Preußen, wo der Polizeiminister einen so empörenden Be- [S. 40] fehl geben kann, wie der gestern gerügte in Betreff Arconati's! Ich nehme das heute erfahrene Gute wirklich als Ersatz und Ausgleich für jenes Schmähliche!

[...]

[S. 41]

Sonntag, den 2. April 1837.

Herrn von Humboldt gesprochen; er will uns eine Vorlesung halten. Berlin ist ihm langweilig und drückend, er sehnt sich nach Paris.

Wie lernt man die Ausgezeichneten, die Echten unter den Menschen, auf's neue schätzen, achten, lieben, wie lernt man ihnen Recht geben, sie preisen, wenn man einige Zeit genöthigt wird, sich mit den Gemeinen näher abzugeben, sie vor sich zu haben und zu bemerken! Nicht nur einem Goethe, einem Rousseau giebt man Recht, wie auch jedem Vornehmen, daß er diese Gemeinen von sich abweist: und wenn er auch selber ein Lumpenhund ist, den andern [S. 42] Lumpenhunden geschieht schon recht, daß auch ein solcher sie verachtet! – Ueber Adel und Aristokratie ist meine neueste Wahrnehmung diese: Sind die Vorzüge, welche die ersten Klassen haben können, aus ihnen geschieden, so sind sie in den geringen auch nicht zu finden; hier sind jetzt die Vornehmen knechtisch, aufgeblasen, geschmacklos prahlerisch, aber die Bürgerlichen, die sich zunächst an jene hinaufdrängen, sind dies alles noch weit mehr, gegen jene kann man Empörung fühlen, gegen diese nur Ekel. Und so drängt sogar noch die Aristokratie der Bildung wieder zu der des Standes hin!

Dieser Tage sah man vierzig Ballen schönen weißen Papiers in die Druckerei von Trowitzsch fahren; sie sind ein Theil der viel größern Zahl, welche zu der englischen Uebersetzung des Buchs von Bettinen erfordert werden, denn siebentausend Exemplare sollen gedruckt, nach England gesandt und dort verkauft werden. Jederman hat Bettinen abgerathen, Gelehrte, Buchhändler, Geschäftsleute, jederman versichert, die Sache könne nicht glücken, sie müsse den größten Schaden bringen; aber Bettine beharrt in ihrem Vorsatz und in ihrer Hoffnung. Daß alle Gründe dagegen sind, leuchtet auch mir ein: aber der standhafte Eifer dahinter macht mich zweifelhaft; vielleicht ist eine echte Eingebung dahinter, und gegen den Instinkt eines genialen Sinnes werden alle Gründe zu Schanden; vielleicht entspricht der Erfolg dennoch Bettinens Erwartung, wer kann sagen, es sei nicht möglich? Mich soll verlangen, wie die Sache ausgeht! Theil nehmen an dem Geschäft möcht' ich freilich nicht!

[...]

[S. 44]

Mittwoch, den 26. April 1837.

Abends mit Professor Gans; die Verhandlungen der sächsischen Landstände über die Rechte der Juden werden scharf durchgesprochen, die stupiden, kleingeistigen, selbst- [S. 45] süchtigen Widersacher der Juden gehörig bezeichnet. "Und wie viel Juden sind denn in ganz Sachsen, daß diese Lumpenchristen so große Furcht haben?" – Kaum achthundert. – "So wenig Juden nur sind dort? Ja, da wundert's mich nicht, daß die Sachsen so dumm geblieben sind! Die müßten sich expreß welche ausbitten, damit mehr Gescheidtheit ins Land käme!"

Das servile, faule Nachsprechen, das Unterducken unter äußerliches Ansehn, nimmt überhand. Nie herrschte hier, wie jetzt, das Gemeine und Mittelmäßige in der Gesellschaft. Die Ursache ist leicht nachzuweisen. Humboldt nannte vorgestern in seinem Billet Berlin "eine intellektuell verödete, kleine, unlitterarische und dabei überhämische Stadt". Natürlich, wonach richtet sich denn alles? Jede Opposition ist erstickt; jeder Geist wäre eine. Die guten Elemente sind dabei reichlichst vorhanden, aber sie müssen versteckt und unwirksam bleiben.

[...]

[S. 48]

Sonnabend, den 20. Mai 1837.

– Erst um halb zwei Uhr konnte ich zum Ausgehen gelangen, war aber kaum unter den Linden, als der Herr Minister von Kamptz auf mich eindrang, und ich mußte mit ihm gehen. Er schwelgt in der mecklenburgischen Heirath, findet sie die größte Illustration, die dem Hause Mecklenburg noch widerfahren, rechtfertigt die Julirevolution, preist den König Ludwig Philipp, spottet über die halsstarrige Einseitigkeit der Personen, welche die Heirath nicht gutheißen, sieht in dieser das Heil von Europa: – alles recht gut, aber wie kommt Herr von Kamptz dazu, dergleichen vorzutragen?

Humboldt war in gewohnter Weise offen und freimüthig. Wir besprachen hiesige Dinge, den Haß und die Partheiung, wobei doch gar nichts herauskommt. Herr von Rochow und Herr von Nagler befehden sich heftig; letzterer ist beim Kronprinzen seit einiger Zeit übel angesehen. Der Kronprinz haßt den Fürsten von Wittgenstein und dessen Günstling, Herrn von Tzschoppe. Herr von Stägemann [S. 49] konnte gestern Abend den Verdruß über Tzschoppe's letzte Beförderung nicht verbergen.

Der Kronprinz Oskar von Schweden ist hier und nimmt sich gut aus. Der Fürst von Wittgenstein findet ihn ganz legitim! Wunderbar, wie sich die Neigungen und Ansichten ändern, ganz nebenher, im Kleinen und Stillen, durch Umstände und Verwickelungen! – Herr von Humboldt hat zu Wittgenstein scherzend gesagt: die beiden thätigsten Männer, die am meisten von sich reden machten, wären hier Nagler und Tzschoppe, ersterer mache alle vier Wochen etwas Neues an der Post, Tzschoppe gleichfalls immer etwas Neues, aber klüglicherweise an sich selber, indem er sich hinaufschöbe. Wittgenstein nahm den Scherz etwas verdrießlich auf.

[...]

[S. 51]

Sonnabend, den 17. Juni 1837.

Kläglicher Zensurjammer, unglaubliche Beispiele! Ekelhaft! In Böttiger's Lebenserinnerungen aus der früheren weimarischen Zeit, über Goethe, Lenz, Lavater u. s. w., hat der Zensor Grano kurzweg alle adlichen Namen gestrichen, auch wenn nichts Schlimmes dabei vorkam; er meinte, man könne doch nicht wissen, ob solcher Familie die bloße Nennung nicht mißfällig sei!

Sonntag, den 18. Juni 1837.

Die Staatszeitung enthält einen Nekrolog Ancillon's, der mit Sorgfalt geschrieben, aber voll grober Unwahrheit ist. Den Mann zu einem Philosophen und Staatsmann zu machen, ist vergebliche Mühe; wie es mit seiner Philosophie beschaffen ist, sehen wir aus seinen Schriften; wie er in Geschäften war, darüber muß man Hardenberg, Humboldt, Bernstorff, Wittgenstein und sogar Lottum gehört haben, und die Beamten des Ministeriums noch hören! Ein Lächeln begleitete jedesmal die Nennung seines Namens. Ein Hofmann war er, statt Philosoph und Staatsmann, das ist alles, was sich in diesem Betracht sagen läßt. Seine Eitelkeit und Hoffahrt, sein vornehm rauhes Wesen zu läugnen, ist eine unverschämte Dreistigkeit; der ganze Hof ist voll von Geschichten, die das Gegentheil be- [S. 51] zeugen, und ich selbst habe deren einige erlebt. Daß er gegen niemanden Haß und Bitterkeit gehegt, ist auch derb gelogen, er war voll Grimm und Hohn gegen viele Menschen, bedeutende und unbedeutende, und verfolgte sie wo und wie er konnte; den Witz, der ihm zu Gebote stand, wandte er mit aller Schärfe gegen seine Widersacher an. So haßte er beide Brüder Humboldt aus Herzensgrunde, besonders aber Alexander'n, den er nur "die enzyklopädische Katze" zu nennen pflegte und auf den er seine giftigsten Pfeile jederzeit abschoß; so verfolgte er den Gesandten von Martens mit bitterem Hohn auf's grausamste, weil der Kronprinz das gern anhörte. Auch den Grafen Bernstorff haßte er, wiewohl er es aus Klugheit verbarg; gegen mich aber hat er seinen Groll einmal geäußert, und mich sogar zu verleiten gesucht, in seinen bösen Tadel Bernstorff's mit einzustimmen, und daß ich das nicht that, hat mir augenblicklich in seiner Gunst geschadet. Schleiermacher war ihm in den Tod zuwider, doch Hegel noch weit mehr, und er schimpfte auf beide, indem er wünschte, der eine möchte den andern zunichte machen. Unwahr ist es auch, daß Ancillon mit Leichtigkeit schrieb; er schrieb in den meisten Fällen mühevoll und langsam, und sann gewaltig über seine Phrasen. Wenn der Nekrolog die Fülle seiner Antithesen erwähnt, so führt er uns von selbst auf die Bemerkung, daß aller Geist und Witz Ancillon's eigentlich bloß in dieser Figur bestand, er machte, suchte und debitierte immerfort Antithesen. Die Verbrennung seines Briefwechsels mag nicht sehr zu bedauern sein, er schrieb stets abgemessen und vorsichtig, und so kam auch wohl wenig Freies und Frisches an ihn. Die Briefe an seine Frau, welche als meisterhafte Memoiren über die Anfangszeiten der Revolution ausgegeben werden, hat er insbesondere zu verbrennen [S. 53]  empfohlen, weil die darin enthaltenen Urtheile mit seinen nachher angenommenen politischen Gesinnungen im größten Widerspruch standen, er hatte den Anfang der Revolution gar nicht so übel gefunden und für die französischen Bewegungen große Vorliebe geäußert. Auch als Prediger wird er durch den Nekrolog viel zu sehr gerühmt; ich habe ihn noch predigen hören, es war Schönrednerei, und darin übertraf ihn Theremin weit; sein Vortrag hatte wenig Inhalt und wurde bisweilen fade, zum Beispiel wenn er auf der Kanzel sagte: "Les femmes, ce sexe enchanteur", was ihm Frau von Genlis mit Recht als unschicklich vorwirft. Genug, mit dem de mortuis nil nisi bene ist hier nicht auszukommen. Daß er im Ganzen ein rechtlicher Mann und im Allgemeinen wohlwollend war, will ich gern glauben, und ohne Kenntnisse und einige Talent war er auch nicht, – aber so gut und brav wie Bernstorff darf man ihn nicht nennen, und in geistiger Hinsicht ihn neben Wilhelm Humboldt stellen heißt nur den unermeßlichen Abstand zeigen!

[...]

[S. 55]

Sonnabend, den 15. Juli 1837.

Ueber Geschichte nachgedacht. Mit größerem Verlauf der Zeiten muß sie eine ganz andere Gestalt gewinnen, die mannigfachsten Gestalten, jetzt noch gar nicht bestimmbare. Ganze Völker und ihre Litteraturen wird man in eine Art von Bibeln zusamendrängen. Das Ueberlieferte bleibt in ständiger Bewegung, wird immer auf's neue durchgesiebt, jedes Zeitalter hat ein anderes Sieb, und will Anderes heraussieben. Etwas geht aber doch bei dem Geschäft immer verloren, was der Nächste nicht aufnehmen kann.

Wir müssen uns auf das gesammte Menschenthum nicht viel einbilden; das Beste daran ist immer, daß es zu einer Gränze hinstrebt, wo Unbekanntes anfängt, auf das wir mehr hoffen und vertrauen, als auf das Gegebne!

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[S. 58]

Berlin, Montag, den 21. August 1837.

Wieder in Berlin! zu meiner großen Befriedigung, die ich schon zu empfinden begann, als ich nur wieder innerhalb der preußischen Gränze war. Ich begrüßte mit Entzücken unsre Adler, unsre Farben, unsre Uniformen, unsre vortrefflichen Wege, gute Postanstalten, unser fleißig angebautes, in so vielen Beziehungen wohlgedeihendes Land. Auch für den König fühlt' ich mein Herz schlagen, für sein ganzes Haus, für die bestehende Ordnung der Dinge, die ja nicht immer so philisterhaft zu sein braucht, die auch einmal wieder genial sein kann.

Sonntag, den 27. August 1837.

Die Zensurnoth dauert immerfort und ist eine wahre Schande für den Staat. Die Zensur ist um so unsin- [S. 59] sinniger, da sie gar nicht ihrem Zwecke nach geübt wird, als eine Beaufsichtigung dessen, was in das Publikum kommt, sondern lediglich zum Besten der Zensurbehörde selbst, daß nur ihnen kein Vorwurf gemacht werden könne. Das Volk mag lesen was es will, darin kann alles stehen; was aber dem König zu Gesichte kommen kann, das wird sorgfältig geprüft.

[...]

[S. 60]

Donnerstag, den 7. September 1837.

Ein Aufsatz von des Generallieutenants von Rüchel eigner Hand, die Erzählung der Kriegsvorgänge von 1806 und seine Rechtfertigung enthaltend, ist mir zu lesen gegeben worden. Alle Berichte und Erörterungen bestärken mich in der alten Ueberzeugung und Einsicht, daß niemand wegen der Unfälle jener Zeit zu beschuldigen ist, als der König selbst; er hat den ganzen Verlauf des Unglücks bereitet und herbeigeführt. Ich muß aber noch weiter gehen, und behaupte, die Herstellung im Jahre 1813 ist nur [S. 61] geschehen, weil der König nicht einwirkte, sondern überwunden und beseitigt war, überwunden durch die Franzosen, beseitigt durch Yorck, Hardenberg, Scharnhorst, Blücher; Preußen war damals ein Gemeinwesen ohne König, doch wurde der Name geehrt und benutzt. Nach dem Siege ist der König wieder hervorgetreten, und seitdem ist auch alles wieder negativ in Preußen, und wenn gleichwohl fortwährend die größten Entwicklungen vorgehn und gedeihen, so geschieht es in Bahnen, wo die Hemmung noch nicht hat eindringen können. Der Privatkarakter des Königs ist dabei unendlich schätzbar und für Preußen im Ganzen wohlthätig. Das wird die Geschichte einst anerkennen müssen.

[...]

[S. 64]

Donnerstag, den 28. September 1837.

Frau von Kalb schrieb mir ein Wort, ich hatte sie seit drei Jahren und länger nicht gesehen, das Wetter und die Stunde waren gut, ich ging zu ihr auf's Schloß. Freudiger Empfang. Die Sibylle, die Titanide, welche sie war, ist sie noch immer; tiefsinnig, vornehm, heiter, lachend, voll ruhiger Leidenschaft! Wir sprachen von den Großen, die sie gekannt, von Schiller, der sie liebte, von Goethe, Herder, Richter, von Fichte. Frau von Kalb, leider jetzt ganz blind, diktirt viel. Religion, tiefsinniges Christenthum, ist die Grundlage ihres ganzen Wesens.

Gestern und heute war ich in einem besondern Mißmuthe. Ganz außer meiner Gewohnheit hatte ich politische Gedanken; mir fiel plötzlich wie ein heller Strahl in die Seele, der mich klar erkennen ließ, wie mein eigentlicher Sinn und meine Fähigkeiten doch zumeist politischer Art [S. 65]  sind, und ich nur aus Unmöglichkeit und Resignation diese Richtung aufgegeben hate! Mir fiel schwer auf's Herz, welch ein Unterschied es sei, ein freies Volk zu sein, oder ein nicht freies! Letzeres lebt nur halb, lebt nur strichweise! Es trat mir alles zu lebendig vor die Seele, mit was allem ich mich schon abgequält, was alles ich in mir schon unterdrückt. – Dabei tröstete ich heute noch einen Leidensgenossen, und rühmte das Gute, welches dennoch gediehen, und wie sich alles ausbreite und verbessere und wir nur gutes Muthes fortarbeiten müßten auf den Wegen, die noch offen seien, und wären sie noch so schmal und schwierig!

[...]

[S. 72]

Sonnabend, den 6. Januar 1838

In der Nacht hatte ich einen schönen Traum; ich hörte Goethe'n ein paar Stunden sprechen, in größtem Eifer und Fluß, meist über das Buch Bettina's; er rühmte, schalt, pries und verwarf, und erörterte sein Verhältniß zu dem Buche mit glänzenden, scharfen Ausdrücken. Ich höre ihm mit Staunen und Vergnügen zu. Schon halb erwacht, vernahm ich ihn noch immer, die Reden, von denen ich schon wußte, daß nur der Traums ie gebe, dauerten fort. Ich erinnere mich, daß er unter anderm sagte: "Ich kann es nicht annehmen, denn es ist mir zuwider, ich darf es nicht wegwerfen, denn es gehört mir doch einmal an; will ich es an die Brust legen, so sticht es mich, halt' ich es mir fern, so reizt es mich; und so muß ich es schweben und flattern lassen zwischen Himmel und Erde, bis es von selbst seine Richtung und Stätte findet!" Was ist das mit solchem Traum? Ist es der Sinn, die Fähigkeit, die ich für Goehte habe, [S. 73] und die aus bloßer Empfänglichkeit plötzlich Selbstthätigkeit wird?

Von allen Seiten muß der König von Hannover doch Mißbilligung und Widerspruch vernehmen. In Kuxhaven ist ein Schiff vom Stapel gelaufen, das "Professor Dahlmann" heißt, und selbst unsere Zeitungen verkündigen es. Die Leipziger Zeitung weist den Oesterreichischen Beobachter zurecht, der die Aufnahme Dahlmann's in Leipzig hatte herabsetzen wollen, und unsere Zeitungen geben auch dies wieder.

In Niebuhr's Leben und Briefwechsel weiter geschritten. Sollte man unsere Zeit nur aus solchem Memoiren kennen lernen, so hätte man ein sehr trübes und falsches Bild; als Beitrag indeß ist mir das Buch sehr willkommen; hundert andre Beiträge müssen aber hinzutreten.

[...]

[S. 78]

Freitag, den 16. Februar 1838.

Gutzkow hat es gewagt, in seinem Telegraphen, bei Gelegenheit der Kölnischen Sachen von der Stütze und der Kraft zu sprechen, welche Preußen in einer Repräsentativ–Verfassung jetzt fände, wenn es die versprochene hätte! Das kühne Wort verdient angemerkt zu werden.

[...]

[S. 87]

Ostersonntag den 15. April 1838.

Warum ich so vieles jetzt Anstößige oder Mißfällige in den Briefen Rahel's nicht unterdrückt habe, und man- [S. 88] ches noch Bedenklichere nicht vertilge, sondern aufbewahre? – Weil ich die Zukunft und solche Leser im Auge habe, die nicht in der Beschränkung unserer Tagesmeinungen stehen und denen andere Gesichtspunkte gelten werden.

Und hätte ich durch solches Weglassen und Vernichten wohl zu Rahel's Ehren gehandelt? Gewiß nicht.

Gesetzt, Frau von Sevigné wäre eine Freundin der zu ihrer Zeit in Frankreich verfolgten Protestanten gewesen, hätte sich kräftig zu ihren Gunsten und wider den König ausgesprochen, die Verwandten und Herausgeber wären aber besorgt gewesen, solche Stellen möchten in der guten Gesellschaft den schlimmsten Eindruck machen, die Briefe würden am Hofe und von der Geistlichkeit hart getadelt und die Schreiberin wohl gar für eine schlechte Katholikin gehalten werden; deßhalb hätten sie alle solche Stellen sorgsam unterdrückt: wäre ihre Sorge für den Ruhm und Erfolg der Briefe wohl die richtige gewesen? Bei den nächsten nachgefolgten Geschlechtern schon war gerade das ein Tadel gegen Frau von Sevigné, in solchen Beziehungen zu sehr ihrer Zeit angehört zu haben, und in den späteren Geschlechtern wird dies nur immer bedauerlicher erscheinen.

Und will ich denn eine andre, künstlich ersonnene Rahel zeigen, oder eine wahrhaftige, in ihrem ächten Wesen bestehende? Sollen Geist und Wahrheit nur zu eitlem Spiele werden?

[S. 92]

Dienstag, den 15. Mai 1838.

Ich war im Opernhause, sah zwei Akte von Goethe's "Faust", den Mephistopheles von Seydelmann. Mehr als zwei Akte vermocht' ich nicht; das Haus war ganz voll, die hiesigen und fremden Höfe, die höhere Staats- und Litteraturwelt, die Studenten, Offiziere, ein wunderbarer Eindruck, diese wohlbekannten Sprüche an dieser Stelle zu [S. 93] hören, vor allem Volke, dem hohen und niedern, nur Rahel fehlte mir, Rahel, gerade sie, die leidenschaftliche Freundin Goethe's, des Theaters, der Geselligkeit! die Pulse schlugen mir heftig, als wollten sie ersetzen, was mir fehlte, als könnten sie auf ihren Wogen herbeiführen, was ich ersehnte. Und Radziwill's Musik, und Seydelmann's Spiel, alles, alles drängte mich zu derjenigen hin, die für alles das den reinsten, lebendigsten Sinn, das schärfste Urtheil, die frischeste Wärme hatte! – Rechts von mir war Hotho, weiterhin Bettine von Arnim mit Savigny's, links Mendelssohn's; Gans, Werder, Benary, Pitt-Arnim sprach ich im Weggehen. Ich mußte lachen, daß sie nach meinem Urtheil fragten; ein Urtheil ist eine Landung, und ich wogte auf hohem Meere. Im Drange von Ereignissen, im Wechsel der Eindrücke, im Sturm von tausendfachen Betrachtungen über Welt, Zeit, Dichtung, Inhalt, Gestalt, Kunst und Künste, Sprüche, Bedeutung, Gegenwart, – ich kam gar nicht zu mir selber! Oft war ich um fünfzig Jahre zurück, sah Goethe diese verse dichten, oft um dreißig, hörte sie in unserm Jugendkreise als die Lehrsprüche unsrer Bildung. Die Großherzoglich weimarische Familie zugegen, – der Herzog Karl August nicht, Goethe nicht! Für diesen ist es wirklich ein entscheidender Sieg in Meinung und Ansehn, daß dieser sein "Faust" in Berlin zur Aufführung gekommen. Er dachte es nicht, so wenig wie Lessing, daß sein "Nathan" hier auf der Bühne erscheinen würde. (Und beide mit großer Schwierigkeit, eigentlich ganz gegen den Sinn und Willen des Königs!) – Wie die Schauspieler ihre Sache gemacht haben? Ich habe noch keine Zeit gehabt, das recht zu überdenken! (Auch blieb ich nicht lange genug.)

[...]

[S. 99]

Sonnabend, den 16. Juni 1838.

Wieder ein Regentag. Neben der schweren feuchten Luft drückt mich das Buch von Gervinus (über deutsche Litteratur; ich finde es überaus traurig, es erhebt nicht, es stimmt herab, und diese Gattung von Büchern ist die allerschlechteste, denn in diesem Grundfehler vernichten sich alle sonstigen Vorzüge. Der Mann hätte sich beschränken sollen, ein tabellarisches Handbuch zu schreiben, denn nur dazu hat er das Zeugs, aber ganz und gar nicht zur Geschichtsschreibung, wie sehr er auch dazu den Anlauf nehmen will. Welch ein Schwall von Unbedeutendem und Gemeinem, in welchem er sich recht mit Lust aufhält, von dem er mit Beflissenheit die genauste Kenntniß zeigen will! Und wie bleibt sein Urtheil äußerlich, ohne Grundlagen philosophischer Aesthetik, ohne Ahndung des Genius! Wie dürftig sind seine Urtheile über Opitz, Scheffler, selbst über Flemming! Von Canitz und Besser spricht er ohne geschichtliche Einsicht, grade als hätte er es mit ein paar neusten Tagesdichtern [S. 100] zu thun, die er in irgend einem Blatt abfertigen müßte. Mit solchem Führer muß man keine Litteratur durchwandern; der muß einem jede zuletzt verleiden. Nüchterner Verstand, der das Genie läugnet, und im Mittelmäßigen und Schlechten belesen ist, – was kann der uns bringen? – Wie recht hat Goethe, der von einem Buche verlangt, daß es ihn fördre und anrege! Dieses negative Verfahren, nur alles von seiner schwachen und schlechten Seite zu zeigen, ohne Hindeutung auf das Starke und Gute, was überall wo nicht zu finden, doch heranzubringen ist, trägt nimmer Frucht.

[...]

[S. 102]

Mittwoch, den  27. Juni 1838.

Frühere Betrachtungen über das Lehrhafte in der Poesie hab' ich in diesen Zug zusammengezogen: Der ist kein Dichter, wer in allem Einzelnen immer auch lehren will; aber wer durch seine Dichtung im Ganzen uns nicht lehrt, der ist auch kein Dichter!

Es giebt keine glücklichere Verbindung als die zwischen kühnem Wagen und kluger Vorsicht, großem Unternehmen und emsiger, andauernder Sorgsamkeit. So war Tettenborn bewundernswürdig in seiner Kriegführung, ihm gelang das Meiste, weil er im Großen kühn, und im Detail unermüdlich aufmerksam und fürsorglich war. In solcher Weise führte auch der alte Cotta mit größtem Erfolg seine Geschäfte, Voltaire und Goethe verwalteten so ihre litterarischen Kräfte. In Blücher und Gneisenau traten die entgegengesetzten und getrennten Vorzüge sogar in zwiefacher Person in glücklichen Bund. Man geht viel zu wenig darauf aus, dergleichen Verhältnisse zu finden und einzurichten. Unendlicher Gewinn ließe sich auf solche Art erzielen. Aufrichtigkeit und Zutrauen fehlen zu sehr. –

Noch immer wird die Aufführung des "Faust" besprochen. Seydelmann's Mephistopheles wird meist getadelt, selten vertheidigt. Bettine von Arnim verwirft die ganze Vorstellung unbedingt; es ärgert sie schon, daß sie den "Faust" nicht allein hat, daß sie ihn mit dem ganzen Publikum theilt. Mich grade freut das, dies Theilhaben und das [S. 103] Muß dabei ist die wahre Lust bei der Sache. Der König hat wirklich sein Mißfallen so bestimmt ausgesprochen, daß jede weitere Wiederholung unterbleiben wird.

[...]

[S. 105]

Mittwoch, den 19. September 1838.

Die von Strauß angestellten Untersuchungen haben eine Wirkung, die im höchsten Sinne religiös heißen muß. Was auf solche Weise zertrümmert werden kann, mag und soll fallen, das Unzerstörbare zeigt sich um so fester, je stärker die Schläge sind, die es treffen. Wehe jedoch den Leuten, denen mehr am Vergänglichen gelegen ist, als am Bleibenden! – Mir geht es eigen mit dieser Kritik, sie zerstört mir auch das nicht, was sie am schärfsten angreift, und was ihr auch wirklich nicht Stand hält; ja, die Geschichtsbilder der Evangelien können sich als solche nicht halten, aber was schadet's? auch als Mythen bestehen sie fort, und reiner und edler, dem dunklen Boden entrückt, wo sie mit Aberglauben und Fanatismus sich immer verflechten mußten. Der Fehler bei Strauß ist nur, daß er bloß einreißt, undnicht auch das Wiederaufbauen übernimmt. Meine Phantasie hat dies Geschäft willig übernommen, sie läßt sich diesen Inhalt nicht rauben, sie hegt ihn nur um so inniger, je mehr sie ihn ihrr Pflege überlassen sieht. Nie erschien mir die christliche Ueberlieferung ein größerer Schatz, als seit das äußere Gepräge nicht mehr die Hauptsache sein soll. – Welchem Leser des Homer wäre auch wohl je die "Ilias" und "Odyssee" weniger werth oder genußvoll geworden, weil die Wolf'schen Untersuchun- [S. 106] gen erschienen sind? Ohne diese wären wohl nie die Straußischen entstanden! Da sieht man, wie in der Litteratur alles ineinandergreift, eines das andre schafft und bedingt! – Wolf, Niebuhr, Strauß, furchtbare Niederreißer! Versäumt man bei ihnen das Wiederaufbauen, so kann einem wirklich ganz wüst und angst werden!

[...]

[S. 107]

Montag, den 24. September 1838.

"Goethe's Briefe an die Gräfin Auguste zu Stolberg"! Eine brausende, edle Jugend, ein klares, mildes, würdiges Alter. Und wenn diese Briefe nichts thäten, als daß sie auf's neue anregten, in den frischen reichen Lebensdrang zu schauen, der jene Zeit erfüllte, sich immer vertrauter in jenen Kreis einzuleben, neue Seiten und Gestalten darin wahrzunehmen, – so wären sie schon jedes Preises werth! Die höchsten Eigenschaften der Menschen hängen mit der Fähigkeit zusammen, ein würdiges Ganzes bis in seine tiefsten Einzelheiten hinein innig zu lieben. So liebt der Krieger seinen Helden, der Bürger seine Stadt, der Philologe seinen Schriftsteller, der Jünger seinen Meister. Wo jene Fähigkeit fehlt, da fehlt gar vieles, und oft in den größten Maßen. – In unsrer Zeit macht man an solche Mittheilungen ganz falsche Ansprüche, nicht vom Ganzen, [S. 108] sondern vom kleinsten Einzelnen verlangt man die Wirkung, welche jenes nur haben kann, Spannung, Aufschluß, Vergnügen, Frucht. Mich haben heute jene Briefe ganz beglückt, der ganze Tag hängt daran wie ein Fisch an der Angel, und wird aus dem Trüben ins Helle aufgezogen.

Die [belgi]sche Geschäftsträger [Hr Beaulieu] mit seiner Frau. Diplomaten, eine bedenkliche Sorte Menschen! Ihr Stand verpflichtet sie ordentlich zum Schlechten, und sie gleiten früher oder später alle in dieselbe Pfütze, ob sie die Vereinigten Staaten von Nordamerika vertreten oder Rußland, ob die Juliusrevolution oder das Papstthum sie sendet. Rahel hat noch alle Tage Recht über sie!

Montag, den 1. Oktober 1838.

Ich habe in Erinnerungen geschwelgt, über dreißig Briefe von Chamisso abgeschrieben und zur Herausgabe geordnet. Die alten Zeiten legten sich mir warm an's Herz, und alte Liebe, Sehnsucht und Zuversicht erfüllten mich so, daß die Gegenwart ganz verdeckt war. Mit der Thätigkeit hört auch diese Täuschung wieder auf. Ich bin wieder in dem heutigen Tage daheim, der zufällig aber auch eine reiche Wirklichkeit brachte.

[...]

[S. 121]

Sonnabend, den 16. März 1839.

Schleiermacher's ganzer Stil krankt an seiner Uebersetzung des Platon, diese aber an dem unglücklichen Versuch, die griechischen Partikeln wiederzugeben. Diese spielen in seinem Denken und Schreiben eine so wichtige als nachtheilige Rolle. Er fühlte sehr wohl die Macht und den Reiz dieser Ausdrucksweise, die jedoch mehr eine Begleitung, ein umgebender Duft, ein schimmerndes Beiwerk ist, als die Sache selbst. In der That sind ebenso auch seine Gedanken keine feste Grund- und Kerngedanken, wie Fichte oder Hegel sie haben, sondern meist nur Modifizirungen, Näherungen, Umgehungen, Zurechtstellungen, wobei die Substanz entweder fehlt, oder anderweitig entlehnt werden muß. Unglücklicher noch fällt seine Schreibart durch solchen Mißstand auf; hier wird, was dort ein oft noch anmuthig verdecktes Negative ist, zu positivem, plumpen Auswuchs: die griechische Luft wird zu dickem Dunste; die leichtbeschwingten, beweglichen Vögel, anstatt zu schweben und zu flattern, fallen bleiern zu Boden, die Gelenke erstarren, und kaum daß ein kriechendes Gewürm noch einiges Leben zeigt! Schleiermacher war nicht ohne Bewußtsein hierüber, er selbst versicherte einmal in Halle, in jeder seiner Perioden wisse er ein geheimes Gebrechen versteckt, in vielen könne er es bestimmt angeben, und er meinte, dergleichen müsse man mit Ergebung tragen, wie ein äußerliches körperliches Gebrechen. Diese Aeußerungen waren uns damals höchst merkwürdig, und wir wollten [S. 122] sie kaum gelten lassen, weil wir so sehr eingenommen von Schleiermacher waren.

Mittwoch, den 20. März 1830.

Seydelmann will zum Vortheile des in Braunschweig beabsichtigten Lessing-Denkmals drei Lessing'sche Schauspiele in der Singakademie vorlesen. Eine Theaterdarstellung zu jenem Zwecke war der König nicht bewilligt.

[...]

[S. 143]

Kissingen, Freitag, den 12. Juli 1839.

In dem Leben der Menschheit ist alles gemeinsam, alles nur Eine Entwicklung, das Einzelne gehört dem Ganzen an, aber auch das Ganze dem Einzelnen. Dies Gemeinsame hab' ich früh empfunden; bei der Hinrichtung eines Verbrechers war mir zu Muth, als erlitte er die Strafe auch für mich, für alle die Keime ähnlicher Unthaten, die in mir lägen, und deren Entwicklung der Unglückliche nur mir ersparte; die Gedichte meiner fruchtbaren Freunde schienen mir zu erlauben, unfruchtbar zu sein; später dünkten mich die Gräuel der französischen Revolution ein Opfer, zu dem die Franzosen sich hergeben, als hätten sie solche für alle Völker voraus übernommen, und diesen dadurch für sie erspart. Ähnlich stellen sich mir nun alle geschichtlichen Erscheinungen! Wir haben es leicht, verständig und helldenkend zu sein, nachdem frühere Geschlechter für uns den Aberglauben gehabt und erschöpft; wir können edel und rein sein, wenn andre sich mit der Gemeinheit und dem Schmutz beladen haben; in andern Fällen sind wir dagegen die Übernehmer des Irrthums, des Unrechts, des Leids, und andre werden dadurch freier, heiterer sein. So kommen uns die Liederlichkeit unter dem Regenten in Frankreich, die Feuer der Inquisition in Spanien, die Stockprügel in Preußen zu gute; wir können nun keuscher, milder, sanfter sein, als wenn jenes alles nicht Statt gefunden hätte,

Diese Ansicht des Lebens, die vielleicht auf den ersten Blick etwas Lächerliches hat, ist in ihrem tiefern Wesen wahrhaft menschenfreundlich, versöhnend, fromm; wahrhaft christlich, wenn man will.

Scharnhorst kam ganz begeistert von der Großherzogin, [S. 144] wo er Abschied genommen, sprach mit mir lange über sie, ihre tiefe Anmuth, ächte, wesentliche Freundlichkeit, edlen Ernst, unübertreffliche Feinheit; so etwas sei ihm noch gar nicht vorgekommen! Die Prinzessin Karl war ihm auch im vortheilhaftesten Licht erschienen, voll Grazie, Wohlwollen, höchst verständig und einsichtsvoll in allem, was sie sagte. Und Scharnhorst ist kein Mann, den das Persönliche, für ihn Schmeichelhafte, deßhalb, weil es ihn betrifft, bestechen könnte.

[...]

[S. 147]

Freitag, den 20. September 1839.

Lord Brougham's Betrachtungen über das Partheiwesen in England fallen ziemlich seicht aus; nach seiner staatsmännischen Bedeutung, und nach dem Rufe seines Namens hätte ich Gründlicheres von ihm erwartet.

Eine Opposition, überhaupt Partheiwesen, wie es in England besteht, hindert die Machthaber und wird ihnen unbequem, ist aber dadurch grade der Macht heilsam, und dient zu deren Erhaltung. Die Minister werden genöthigt, die größte Wachsamkeit auf sich selbst zu üben, alle ihre Kraft und Ueberlegung anzustrengen, das wirklich Unhaltbare und Thörichte zu unterlassen, alles auf ein gehöriges Maß zu stellen, und dann hierin stark zu sein. Die Opposition hilft mittelbar alles thun und gut thun, was die Minister wollen. Unter wenig befähigten, geistlosen Ministern, wie z. B. Castlereagh einer war, hat die Opposition Theil an aller Ehre und allem Ruhme der erfolgreichen Staatsleitung; sogar unter starken Ministern, wie z. B. Pitt war, mußte die Opposition zu seiner großen Energie durch die ihre beitragen. Ich sehe die parlamenta- [S. 148] rische Staatsleitung in ihrer Spaltung doch nur als Einheit. Dem heutigen Momente in der englischen Staatsverwaltung gehören Wellington und Peel eben so thatkräftig an, als die im Amt befindlichen Minister. Das darf man nicht übersehen. Ein großer Vortheil ist auch, daß der Tadel sich erschöpft, ehe die Maßregel hervortritt, die nachher auf wenig Widerstand mehr stößt; dagegen in Ländern, wo keine öffentliche Verhandlung Statt findet, alle Verordnungen einen Schweif von Tadel hinter sich herziehen, und dieser stört und hemmt erst recht.

[S. 148f.]

Donnerstag, den 10. Oktober 1839.

Heute sind mir Eröffnungen gemacht worden, die mir den Wiedereintritt in den Staatsdienst in glänzender Aussicht zeigen; ich wünsche diesen Wiedereintritt lebhaft, – aber ich muß alles ablehnen, denn meine Seele verkauf' ich nicht, und kein Glück würde mir eines sein, wenn ich unter solcher Bedingung dazu gelangte!

Schon früher zweimal nahte mir solche Versuchung. Als ich im Herbste 1819 von Karlsruhe nach Berlin gekommen war, und die größte Ungnade zu tragen hatte, sagte man mir gradezu, ich sollte nur den Staatskanzler verlassen, der doch nichts für mich thäte, ich sollte nur etwas schreiben, was den Gegnern desselben eine Bürgschaft meiner Gesinnung wäre, und gleich würden meine Verhältnisse sich herstellen, und eine glänzende Laufbahn mir wieder offen sein! Der Staatskanzler, es ist wahr, hatte nicht den Muth mehr, etwas für mich zu thun, er war völlig zufrieden mit mir und schätzte mich, gab mich aber preis und folgte selbst einer Richtung, die er früher be- [S. 149] kämpft hatte. Aber keinen Augenblick war ich zweifelhaft. Er war doch noch, selbst im Zagen und Nachgeben, der beste Vertreter dessen, was mir und meinen Freunden werth war, und statt ihn zu verrathen und zu befeinden, vertheidigte ich ihn in allem, worin es mir noch möglich war. Er dankte mir es nicht, und die Gegner haßten mich gründlich. Als ich Rahel'n diese Sachen umständlich erörtert hatte, fragte sich sie, ob sie meine Handlungsweise billige? Sie umarmte mich, und sagte lächelnd: "Wir bringen es zu nichts, unsre Denkungsart hindert uns für immer; tausendmal besser, als wenn wir es zu etwas brächten, und sie nicht hätten." – Das zweitemal war es hauptsächlich Ancillon, der mich verlocken wollte, ich sollte ganz der Seinige werden, und von Bernstorff ablassen; er wollte mich zu dem Kronprinzen bringen u. s. w. Es war freilich nicht klug, mich lieber an den abtretenden Bernstorff anzuschließen, und ich sah bald, wie sehr ich mir geschadet; aber Rahel's Zustimmung fehlte mir abermals nicht, und wie sehr sie den Werth des Ansehns, Einflusses und Wohlstandes kannte, und alles dies trefflich zum Guten zu gebrauchen und zu genießen wußte, wie wenig andre Menschen, so stand ihr doch Gesinnung und innre Ehre über allem, und sie willigte in jene Entsagung, welche von diesen geboten wurde, mit freudiger Entschlossenheit.

Wenn der Teufel all das Staats- und Hofwesen holt, mich soll er darin wenigstens nicht mitkriegen!

[...]

[S. 151]

Donnerstag, den 14. November 1839.

Die Sozietät für wissenschaftliche Kritik hat in ihrer heutigen Sitzung meinen schon vor acht Tagen gemachten Antrag, die Herausgabe der "Jahrbücher" mit dem Ende dieses Jahres einzustellen, zum Beschluß erhoben. Die Unwürdigkeit des Zensurverhältnisses ist der Grund dieser Selbstopferung, die Sachen ließen sich mit Ehren nicht weiterführen. Anwesend waren Herr von Henning, Marheineke, Schulze, Schultz, Bopp, Zumpt, Dove, ich, und als Sekretair Doktor Boumann. Der Schritt ist bedeutend, und wird sehr verschieden ausgelegt werden, auch ist es wahrlich Schade um die "Jahrbücher"! Allein es blieb kaum andres übrig zu thun, und in der Hauptsache stimmten mir Alle bei! – Hätte Gans das doch miterlebt!

[S. 152]

Mittwoch, den 20. November 1839.

Die Einstellung der "Jahrbücher" macht großes Aufsehn; es zeigt sich einige Schadenfreude, aber viel mehr Bedauern und Klage. Aus wissenschaftlichem und preußischem Interesse trauern Gelehrte und Vaterlandsfreunde.

Freitag, den 22. November 1839.

Gestern Kritiksitzung. Nichts Neues, vom Minister von Altenstein kein Wort. Der Druck des Dezemberheftes angeordnet. Man hört schon hin und wieder, die Behörde, erschrocken über unsern Beschluß, werde eine neue Zensureinrichtung treffen, und uns zur Fortsetzung der "Jahrbücher" auffordern.

Donnerstag, den 28. November 1839.

Kritiksitzung. Der Buchhändler Duncker nimmt den Vorschlag, die Herausgabe der "Jahrbücher" einzustellen, schriftlich an. Der Minister von Altenstein will uns aber zur Fortsetzung bewegen, und günstige Bedingungen dafür erwirken; deßgleichen hat das Ober=Zensur=Kollegium aus eignem Antriebe von den Dummheiten unsres Zensors Kenntniß genommen, und an den Oberpräsidenten darüber geschrieben. Wenn das nur nicht alles zu spät ist! Vier Wochen sind vom Jahre nur noch übrig. Was hilft auch die Abstellung einzelner Ungebühr? Der Zustand im Ganzen bleibt doch derselbe, und der ist gräßlich. Geistlosigkeit haßt natürlich den Geist, und Heuchelei den Freimuth! – Anwesend waren: Henning, Schulze, Schultz, Marheineke, [S. 153] Bopp, Hotho, Dove, zuletzt kam noch Geheimrath Link, und nahm eifrig Theil.

Dienstag, den 3. Dezember 1839.

"Wie kommt es, daß Schiller jetzt erst so gewaltig durchbricht, in die ganze Nation dringt?" Es ist ein unlöschbares Feuer, das man zu dämpfen gewußt, nun hat es die Dämpfung bezwungen und flammt nur um so heller. Die Dämpfung bestand in dem großen Ansehn und Wirken der Schlegel, Tieck, Schleiermacher u. s. w.; sie wollten Schiller nicht gelten lassen, und ihr kritisches Gewicht hielt ihn über dreißig Jahre nieder. Jetzt weiß man kaum noch von den Schlegel, und das Ansehn Tieck's ist beschränkt und schwach.

Ueber die vom Könige bei Gelegenheit des Reformationsfestes ertheilte kleine Amnestie wird bitter losgezogen. "Recht im Karakter des Königs!" sagt man, "nur nichts Großes, Freies, Frisches, keine Amnestie der politischen Vergehen, wo so wenig Schuld und so harte Strafe ist, nein, die stückchenartige, dürftige, schwache Gewährung der Straflosigkeit für unbedeutende Vergehen, Injurien u. dgl., wobei denn doch offenbar der König in das Privatrecht eingreift, er setzt ausdrücklich versöhnliche Gesinnung auch bei den Beleidigten voraus, und wo diese in gegebnen Fällen nicht vorhanden wäre, verlangt er näheren Bericht!" – Dabei ist die Verordnung doch schlecht abgefaßt. – Achselzucken, Gespött, Unwillen.

[S. 154]

Freitag, den 6. Dezember 1839.

Die  Kritikgesellschaft war gestern besonders zahlreich. Verhandlung über Altenstein's Antwort; Beschluß, die "Jahrbücher" fortzusetzen, sie ferner bei Duncker erscheinen zu lassen, ihnen neue Kräfte zuzuwenden. Vorschläge zu neuen Mitgliedern, von Hotho, Henning, Dove etc. gemacht. Verhandlungen über die Art und Weise, wie die Sozietät ihr Fortbestehen ankündigen soll, wenige schlichte Worte, aber bündig und kräftig.

Herr von Henning wollte mich besuchen, wegen der Formel in Betreff der Fortsetzung der "Jahrbücher"; man hatte die beschlossenen Worte wieder schwächen wollen, wir stellten sie wieder her; das Ganze wurde auf der Straße abgethan. Er erzählte mir, daß Herr von Altenstein die Sozietät ungemein gerühmt habe, er könne nur eifrigst wünschen, daß wir Alle zusammenblieben, und besonders hoffe er, daß ich nicht würde zurücktreten wollen.

Anekdoten von Hannover. Der König scheint wirklich etwas verrückt zu sein; Willkür, Eigensinn und Rohheit bilden sein ganzes Wesen, schöne Königseigenschaften! Wird er gut enden?

Guhrauer's "Kurmainz" ist ein trefflicher Geschichtsbeitrag, und läßt in wichtige, ausgebreitete Verhältnisse tief und authentisch einblicken. Er hat außerordentlichen Scharfsinn, gründlichen Fleiß, und lebendige Bewegung in dem Buche dargethan. Das Ganze ist ein Prachtstück; für einen Umstand aus dem Leben von Leibnitz wird die ganze Welt aufgeboten.

[S. 155]

Sonnabend, den 7. Dezember 1839.

"How weary, stale, flat, and unprofitable,

Seem to me all the uses of this world!"

Daß diese Worte Hamlet's mir den ganzen Tag im Kopfe herumgingen, möchte immerhin sein, daß sie aber meiner Stimmung unabweislicher Ausdruck geworden, ist arg und kläglich. In der That bin ich nahe daran, mit meinem hiesigen Leben bankrott zu machen. Mit meinem hiesigen, denn die Schuld liegt mehr an Berlin, als an mir selbst. Mir ist der Ort durch bekannte Einflüsse zugrunde gerichtet, auf wenigstens ein paar Generationen hinaus! Einfacher Wechsel kann hier nicht helfen; es muß erst wieder ein Zwischenspiel von Unglück eintreten, um freien Raum zu schaffen. Der ganze Staat ist von hieraus angesteckt, mit Schalheit und Mattigkeit, Verdruß und Langeweile. Humboldt fühlt das auch, und klagt schrecklich darüber, P[ückler] ebenso, wieswohl aus fremderen Gesichtspunkten, als Humboldt und ich sie haben, die wir das Alte gekannt. Auch [Adolph von Willisen] kennt den Zustand, Gans kannte ihn, aber sie hatten keine Vergleichspunkte in der Vergangenheit. – Keinerlei Nahrung bringt mir der Tag, immer ohne Ausbeute kehr' ich heim, und aussäen kann ich auch nichts. Politisches Leben ist nicht hier, das gesellige haben sie entartet, das litterarische niedergedrückt, die Wissenschaft muß in ihren engsten Schranken wie in Klostermauern leben, der Geschmack ist verdorben, das Theater tief heruntergebracht. Soll uns etwa die schöne Gegend schadlos halten? – O Berlin, Berlin!

[S. 156]

Sonnabend, den 21. Dezember 1839.

Den Gesandten von Bülow gesprochen; er meint, eine scharfe Feder sei jetzt eine Macht. Ja, doch hier nicht! Ueber meine Kenntniß so vieler Verhältnisse, meinen Besitz so mancher Papiere; "Wohl, ich sitze an einer Pulverkammer, wenn ich einmal die Lunte anlege, fliegt halb Berlin auf, aber ich mit." Ich müßte fortgehen, und dann aus der Ferne anzünden!

Es heißt, der König von Hannover wolle zur Vermählung der Königin Victoria nach London reisen. "O thät er's doch!" sagt ein Hannoveraner, "da wird er vielleicht todtgeschlagen. Das könnten die Engländer doch wohl für uns thun! Bei uns geht es nicht gut an, dort ist es viel leichter."

Die Leute freuen sich, daß die Franzosen neue Verlegenheiten in Algier haben. Wie irrig, daraus wird ihnen nur neue Macht erwachsen!

Montag, den 23. Dezember 1839.

Betrachtung des englischen Lebens führt mich zu Gedanken über Geschichte, Staat, Menschenentwicklung. Ich bin, alles in allem, sehr zufrieden ein Deutscher zu sein, obgleich ich persönlich, als solcher, in manchen meiner Anlagen nicht gedeihen konnte.

[...]

[S. 159]

1840.

Der Name Preußen, und der Sinn und Gehalt, welche dieser Klang fort und fort in mannigfachstem Reichthum für die Vorstellung aufweckt, erfüllen wahrlich mein Herz mit freudiger Gluth. Ich empfinde die Macht eines Vaterlandes, einer tiefen Angehörigkeit, voll Ernst und Liebe. Nach allen Seiten finden dieser Ernst und diese Liebe lebendige Gestalt, an der sie sich wärmen und nähren. Die Fürsten und ihr Haus, die Staatsmänner und Helden, das Volk mit seinem bestimmten, oft nicht begünstigten Karakter, oft trägen Gang und dürftigen Geschick, – ich fühle sie alle als die meinen; wie sie sind, mir gehören sie, und ich ihnen, nothwendig und gern, wenn auch bisweilen unwillig, wie dies bei Blutsverwandten auch begegnet. Und wie glücklich, wie stolz und gerührt ist das Herz, wenn es in diesem Nächsten und Eigensten zugleich Gutes und Herrliches lieben und ehren kann! Mit welchem Entzücken weilt die Betrachtung auf den großen Fürsten, Friedrich Wilhelm dem Kurfürsten, Friedrich dem Könige! auf den Heldenschaaren des Siebenjährigen Krieges, des Befreiungskrieges! auf allem Löblichen, was in Gesetzgebung, Unterricht, Geistesbildung, Wissenschaften und Künsten, und sonstigem Gemeinnutzen, hier versucht [S. 159] und geleistet worden, auf allem Tüchtigen und Schönen, was in diesem Volk und Staate gediehen ist! Durch den Antheil an allem diesen Gewordenen und Werdenden, durch die tausend Beziehungen, die sich je mehr und mehr vervielfachen und verflechten, je mehr das Leben selbst sich größer und deutlicher vor dem Blick ausbreitet, wird auch das Kleinste werth und wichtig, und geschichtliche Forschung wie That ergreift mit gleichem Eifer den Stoff eines flüchtigen Moments wie eines dauernden Jahrhunderts.

Spätere Anmerkung Varnhagen's. Wie ich das jetzt, im Dezember 1848 wieder lese, – mit welchen Empfindungen der Trauer und des Unmuths!

[...]

[S. 161]

Donnerstag, den 9. Januar 1840.

Schubarth in Hirschberg hat eine tückische Anklage der Hegel'schen Philosophie und aller ihrer Anhänger unmittelbar an den König gesandt, er beschuldigt besonders die Rechtsphilosophie, der Monarchie entgegen zu sein, und Religion und Sittlichkeit zu untergraben. Der König fragte, was den ungefährt dort gelehrt würde, und erhielt die Antwort – die ein Freund der Hegel'schen Lehre auch wohl günstiger hätte wählen können –, es käme zum Beispiel der Satz vor, der König sei derjenige, der das Tippelchen auf dem I mache; der König aber nahm das gar nicht in so üblem Sinn, und sagte nur spöttisch: "Und wenn er es nun nicht  macht?" Damit fiel die ganze Sache.

[...]

[S. 162]

Sonnabend, den 18. Januar 1840.

Abends im Konzert von Dreiyschock. Der Konzertsaal nicht gefüllt. – Ich konnte mit meinem guten Glase vortrefflich alle Personen in der Königlichen Loge durchmustern. Der König sieht in der That sehr alt und hinfällig aus; der Kronprinz aufgeschwemmt und erhitzt, die Kronprinzessin blaß zum Mitleid; die Prinzessin Wilhelm (Auguste) sieht gesund und rüstig aus, scharf und gebieterisch, klug und willensvoll, aber für die meisten Menschen nicht günstigen Eindrucks; Prinz Wilhelm noch stets etwas kränklich, Prinz August rüstig, aber stumpf und zerstreut. Stoff die Fülle zu allerlei Betrachtungen! Am meisten regte mich der Kronprinz an, dann die Prinzessin Wilhelm, beide sprachen viel miteinander, ganz unbefangen und heiter. – Die Musik fand Beifall genug, aber Dreiyschock blieb mir auch diesmal unter Thalberg, wiewohl er Schwierigkeiten üebrwand, denen dieser bekennt nicht gewachsen zu sein. Kalte Kompositionen.

[...]

[S. 164]

Dienstag, den 25. Februar 1840.

Ich habe nur das Bewußtsein, aber nicht das Gefühl, daß meine Schwester Rosa Maria nicht mehr hier ist. Das Gefühl persönlichen Daseins ist mir vielmehr erweitert, die Vergangenheit rückt in den Kreis der Gegenwart, und die Raumesferne schwindet, alles löst sich in trauliche Nähe auf, und legt sich mir ans Herz. Menschen, mit denen ich gelebt habe, mit denen ich lebe, mit denen ich leben werde, und solche, die weit voraus oder weit nach mir stehen, alle bilden mir Eine Gesellschaft, und ich unterscheide nur meine Lieben, nicht ihre Gestalten als lebende oder todte! Gute Rosa Maria, du lebst mir!

[...]

[S. 165]

Montag, den 9. März 1840.

The life of William Wilberforce. London 1838. 5 Bde. Humboldt sagt, derselbe habe alles aufgeschrieben und aufbewahrt, fast wie ich! – Sein Beten ist merkwürdig; mir nicht zusagend; allzu weinerlich. Jammert zum Beispiel, daß Ludwig der Achtzehnte nicht den Sonntag geheiligt, sondern an diesem Tage seine Ueberfahrt nach Frankreich gemacht, daß er selbst darin gesündigt, und auch [S. 166] Andre zur Sünde dadurch veranlaßt habe, Sünde ganz von der Art, um derentwillen die Bourbons früher aus Frankreich vertrieben worden. Er bittet Gott, doch dem Könige diese Sünde zu verzeihen! – Bei solcher Schwäche ist Wilberforce doch ein liebenswürdiger Menschenfreund, den man lieben und ehren muß.

Der Kronprinz ist in seinem Benehmen oft unerklärlich. Er faßt die ernsthaftesten Gedanken mit schnellkräftigem Antheil, drückt die würdigsten Gesinnungen eigenthümlich und meist anmuthig aus, dann aber ist er plötzlich wieder ganz possenhaft, lacht unmäßig bei geringem Anlaß, springt, jauchzt, prustet, schreit jemanden laut in's Ohr, und fragt dann: "Hab ich Sie recht erschreckt?" Ganz ähnliche Züge, wie sie von seiner Knabenzeit erzählt werden!

Sonntag, den 15. März 1840.

Gestern die verabredete Gesellschaft bei [Königsmarck's]. Gräfin Ida von Hahn–Hahn endlich kennen lernen, eine blonde hübsche Frau, feingliederig, jugendlicher aussehend als sie wirklich ist; einfaches, ruhiges Betragen, vornehm, gutes Französisch, bestimmtes Deutsch; wenig von Litteratur gesprochen; die Gräfin von [Stolberg] ungemein freundlich und zart mit ihr, Humboldt beweist ihr die größte Aufmerksamkeit.

In Magdeburg wird über die Gottheit Christi gestritten, ein Prediger Sintenis wird angeklagt sie zu läugnen. Der Telegraph hat in dieser Sache Befehle und Nachrichten überbringen müssen. Humboldt ist unerschöpflich in Witzeleien darüber: "das byzantinische Reich!"

[...]

[S. 169]

Sonnabend, den 4. April 1840.

Gestern erzählte mir Doktor Guhrauer, daß er hier in der Akademie der Wissenschaften seine Denkschrift über Leibnitz gelesen. Geistvoller Inhalt, glückliche Gedanken und treffende Bilder. Er scheint auch guten Eindruck gemacht zu haben. Die Akademie wird aber schwerlich etwas thun, um eine Ausgabe von Leibnitzens Werken zu Stande zu bringen. Es herrscht ein engherziger Koteriegeist darin, durch Schleiermacher und seine Freunde aufgekommen und genährt. Friedrich's des Großen Werke kommen heraus, und Leibnitzens, und das "Deutsche Lexikon" der Brüder Grimm, und alles ohne Antheil der Akademie! Wie lange müßte Preuß zum Mitgliede gewählt sein! Wie richtig wäre es, jetzt Guhrauer von Seiten der Akademie zu beschäftigen, zu beauftragen! Aber diese sind keine dienstbaren Geister der Herren Savigny, Lachmann etc. noch vom Hofe und von einflußreichen Aristokraten begünstigte Empfohlene! So findet auch Marheineke keinen Zutritt, auch – wieder andrerseits – Theremin nicht. Daß die Herren weder Gans noch mich in ihre Mitte wollen, kann ich ihnen nicht verdenken. Daß sie aber in früherer Zeit Fichte, in späterer Hegel zurückwiesen, gereicht ihnen ewig zur Schande.

[...]

[S. 171]

Dienstag, den 14. April 1840.

Mit Eifer in Guhrauer's "Leibnitz" gelesen. Schöne Zueignung an Humboldt, feurig und gedankenvoll. Leibnitz regt auf und beunruhigt, man kommt außer Athem, wenn man sich mit ihm beschäftigt; man muß ihn selbst, und seine ganze Zeit, die politischen, religiösen und litterarischen Geschichten, und alle Wissenschaften gewärtig haben, um ihm zu folgen. Er steht in Glanz und Herrlichkeit da! in größtem Anreiz, in höchster Würde! Einer der Helden unsrer Nation, einer der großen Namen, deren das Menschengeschlecht sich rühmt. – Guhraurer's Begeisterung trägt schöne Früchte, er ist der Wiederhersteller des Mannes, der völlig mißkannt, und großentheils beseitigt war. Es ist eine Lust, wie scharf und gründlich er sich in seinen Autor hineingearbeitet hat!

Was ich schreibe? fragen mich Alle! Laßt mich doch lieber nicht schreiben, ihr seid sichrer dabei!

[...]

[S. 174]

Montag, den 4. Mai 1840.

Im Schauspielhause wurde "Richard Savage" gegeben, Trauerspiel von Gutzkow, bei vollem Hause, vor dem Könige, dem Kronprinzen, unter lebhaftem Beifall, mit Herausrufung des Autors, der aber nicht erschien. Der Minister von Rochow und Herr von Tzschoppe haben alles aufgeboten, um die Aufführung zu hintertreiben, oder wenigstens den Namen des Verfassers, als eines Mitgliedes des jungen Deutschlands, streichen zu lassen; aber beim Theater walten andere Mächte, und in dieser Region gilt Madame Crelinger oder Fräulein Stich oft mehr, als die Polizeigewalt jener Leute. So erlebt denn das junge Deutschland in Gutzkow hier jetzt einen Glanz und Sieg, den sich vor vier Jahren niemand träumen ließ. Und Mundt und Laube hier, frei und schriftstellernd! Zum schnöden Gegensatz und albernen Widerspruche fehlte dagegen noch neulich in der Anzeige von Knebel's Werken in der Staatszeitung der Name Mundt's als Herausgeber, und nur der meine war genannt. Wie kleinlich und erbärmlich!

[...]

[S. 177]

Sonntag, den 24. Mai 1840

Prinz Wilhelm, der Sohn des Königs, hat sich dieser Tage in den Freimaurer=Orden hier aufnehmen lassen. "Was soll das heißen?" fragt mich Humboldt; ich erwiedere, mir schiene dabei nur die neue Gefahr zu bedenken, in die sich der Prinz begebe, die Gefahr der schrecklichen Todesstrafe, falls er etwa seiner Gemahlin die Geheimnisse verriethe!

[...]

[S. 185]

Pfingstsonntag, den 7. Juni 1840.

Nachmittags gegen halb vier Uhr starb der König. Die ganze Bevölkerung Berlins auf den Beinen, dumpfe Unruhe und Gedränge, kein Geschrei, nur Rauschen der Volksmenge. Abends ein Extrablatt der "Staatszeitung", das den traurigen Ausgang verkündet. Die Truppen ziehen still durch die Straßen, um zum Behufe des dem neuen Könige zu leistenden Schwurs die Fahnen vom Palais abzuholen. Bei Eintritt der Dämmerung wird der Eindruck all dieser Bewegung nur um so schauerlicher. Glockengeläut.

Solche Gemüthsbewegung, wie heute, erinnere ich mich vor zehn Jahren her, als die Nachricht von der Julirevolution der Franzosen hierher gelangte, am 3. August, des Königs Geburtstage, wo auch alles Volk in Bewegung war.

[...]

[S. 188]

Kissingen, den 22. Juni 1840.

Montag Abends.

Ich wollte diese Tageblätter hier nicht fortsetzen, aber ich muß doch einiges aufschreiben, für künftige Erinnerung, zur gegenwärtigen Unterhaltung!

Die ganze bisherige Reise war farblos, unerquicklich, die Ankunft hier keineswegs vergnüglich. Von Berlin bis Wittenberg war ich in traurigster Stimmung; wie oft ich denselben Weg schon gefahren, und in welcher Begleitung, unter was für Umständen; das ganze frühere Leben ein Traum, das jetzige weniger als ein Traum; was alles dahingegangen; was noch übrig ist, und auch bald dahingehen wird. In Leipzig war es nicht besser. Traurig fuhr ich durch Weimar, traurig kam ich in Erfurt an, wo ich die Nacht blieb.

In Melrichstadt geschlafen. Am Sonnabend um zehn Uhr vormittags in Kissingen.

Der erste Bekannte, den ich taf, war der junge Boris von Uexküll, nebst Vater und Onkel. Die russischen Generale von Weimarn, von Patkul, Douroff. Der Fürst und die Fürstin von Löwenstein, aus Heubach; dieselbe langweilige Geringheit, wie voriges Jahr! – Herr von Rotenthan, Doktor Balling. – Freiherr von Hallberg, der Eremit von Gauting, mit langem weißen Bart, Ordenssternen, alter Sonderling, geckenhaft, widrig anzusehen. – Der amerikanische Konsul List aus Paris, der mir sogleich seine Geschäfte vorträgt, seine Anschläge und Hoffnungen, und dabei für Preußen umständliche Belehrungen bereit hat, wie dessen Staatskunst und Verwaltung zu gehen habe! Aber auch für Frankreich, für England, und für Nordamerika sorgt er, und versieht die Cotta'schen Zeitschriften [S. 189] mit Artikeln, auch wohl bisweilen den "Constitutionnel". Ich bin des leeren Politisirens ganz überdrüssig, und sag' es ihm. Er selbst gesteht mir zuletzt, daß er in den Sachen der Staaten doch zunächst nur seine Sache im Auge habe, er wünscht eine vortheilhafte Anstellung, in Preußen oder Frankreich oder Nordamerika. Welche "Oder" der Mann hier zusammenbringt! Doch ist er wirklich im Ganzen wohlmeinend, eine gute Haut, wie man zu sagen pflegt. – Es sind ein Drittheil weniger Fremde hier, als voriges Jahr, und gegen dreihundert Zimmer mehr.

Gestern und heute schon viele Bekanntschaften machen müssen. – Frau von Severin, russische Gesandtin zu München. Baron von Moltke, russischer Gesandter in Karlsruhe; Fräulein von Wimpfen. – Generalin von Francken, ehmals in Karlsruhe, jetzt in Weimar, redet mich an; ihre Tochter, Fräulein von Baumbach, Herr von Pappenheim, Jenny's Bruder. Fräulein von Seckendorff. – Zwei prächtige Russinnen, Frau von Paschkoff, geb. Baranoff, und Frau von Stolüpin; erstere steht sehr in Gnaden beim Kaiser; der Mann der letzteren ist Adjutant beim Herzog von Leuchtenberg. – Herr Prediger Bachmann aus Berlin, Herr und Frau von Kröcher. – Herr Carrington; Herr Rolleston nebst Frau und Tochter. – Die Kinder des Herrn Warre, die Frau eine geborne Französin, Tochter des Generals Danican. Das keine Lockenkind ein Engel, Rahel hätte dies Gesichtchen sehen müssen!

[...]

[S. 199]

Kissingen, Freitag, den 10. Juli 1840.

Tettenborn gestern Abend hier angekommen! Herzlicher Empfang, innige Freudigkeit! Er sieht noch ganz gut aus, stark und muthig, sogar noch prächtig, ist aber sehr leidend und unrüstig; die Generalin gütig und lebhaft wie sonst. Tausend rasche Mittheilungen durchkreuzen sich, der Lebenden wird gedacht, der Todten, – insbesondre Bentheim's mit großem Bedauern. Tettenborn erzählt mir von Metternich, derselbe habe meinen "Wiener Kongreß" der Fürstin vorgelesen; strichweise auch ihm und Andern, und öfter dabei ausgerufen: "Das heiß ich schreiben!" Er habe auch gesagt, ich sei ohne Frage die erste Feder in Deutschland. Nun, in solcher Wirkung, die man aus seiner Einsamkeit auf diese Großwelt ausübt, liegt doch etwas aus Genugthuendes! Ich lasse es mir dankbar gefallen, ohne allen Uebermuth. Auch erzählt mir Tettenborn, unser Gesandter in Wien Graf von Maltzan habe in seiner Gegenwart zu Metternich gesagt, es sei himmelschreiend, daß man mich in so vielen Jahren nicht für den Staat benutzt habe. Und was sonst des Lobes mehr ist! Ja, ja, "im Alter die Fülle", immer dieselbe Geschichte!

[S. 200]

Oesterreichs innerste Zustände und persönliche Verhältnisse entfalten sich rückhaltlos vor meinen Augen! Tettenborn und Zedlitz sagen mir alles, was sie wissen; freilich kenn' ich schon vieles, und das Neue fügt sich wie von selbst dem Alten an.

Der Erbgroßherzog von Sachsen=Weimar ladet mich zu seiner Mutter der Großherzogin nach Wilhelmsthal ein, wo auch seine Schwestern, die Prinzessin von Preußen und die Prinzessin Karl, sein werden. Ich denke nicht, daß ich hingehe.

Der König von Baiern ist heute hier durchgestürmt. Er sieht viel älter aus, als voriges Jahr, und gefällt niemanden. Man sagt, er glaube wirklich an die Vorhersagung, daß er im Jahre 1842 sterben werde, und richte darnach alle seine Unternehmungen ein.

Der würtembergische Minister Freiherr von Maucler läßt sich mir vorstellen, und beruft sich auf seine Schwester Gräfin von Zeppelin, die eine Freundin von Rahel gewesen sei.

Fräulein von Uttenhoven, Stiftsdame, Verfasserin eines Gedichts auf den Prinzen Louis Ferdinand, das sie mir schicken wird. Sie legte als junges Mädchen auf den Sarg des Prinzen, als er in Saalfeld beigesetzt wurde, einen Lorbeerkranz.

Mit dem badischen Bundesgesandten Herrn von Dusch nähere Gespräche; Reizenstein, Metternich etc.

Meine drei englischen "pupils" waren heute zusammen auf dem Platze. Fast kann ich Harriet Rolleston als vierte rechnen.

Konzert auf der Schlag- und Streich–Zither, von Petzmayer. Die Königin dort. Unergiebig, früh macht' ich mich fort.

[S. 201]

Frau von Stolüpin, Frau von Paschkoff; Kapitain Hill und seine Frau.

Nachmittags mit Tettenborn's, Zedlitz, Frau von Franken und Fräulein von Baumbach, beiden Fräuleins von Seckendorf, dem Erbgrafen von Waldburg–Zeil, Frau von Sanguinetté, Frau von Blomberg, Fräulein von Uttenhoven, Fräulein von Rottenhof u. A. unter den Bäumen am Tisch beisammen.

Gestern ist meine Uebersetzung von Lermontoff's "Bela" zum Schlusse gelangt.

[...]

[S. 210]

Kissingen, Mittwoch, den 29. Juli 1840.

Gewissensfrage, ob ich unter den vortheilhaftesten Bedingungen wohl in österreichische Dienste treten möchte? Die Aeußerungen des Fürsten von Metternich über mich und welche Freude er haben würde, wenn man ihm die gute Nachricht brächte. Schulenburg's Beurtheilung der Sache, ein großes Moment, mir äußerst günstig. Ich sage zu allem, daß ich nicht kann, und daß, wenn ich könnte, ich nicht wollen würde. Es thut Tettenborn sehr leid, er hätte mich so gern in Wien gesehen.

[...]

[S. 217]

Montag, den 21. September 1840.

Einholung des Königs und der Königin, die aus Preußen wiederkehren. Die Aufzüge der Gewerke nehmen sich ganz stattlich aus, die Theilnehmer haben völlig das Ansehn von gebildeten, feinen Leuten, mit militairischer Haltung, besonders die berittenen Innungen der Schlächter, Brauer und Kaufleute. – Ich sah Vormittags ein paar Abtheilungen, und Abends die meisten, am Opernplatz, als sie heimzogen. – Beleuchtungen der Stadt Abends; nicht sonderlich glänzend; kein Thurm erleuchtet, die meisten öffentlichen Gebäude nicht, ausgenommen das Brandenburger Thor. – Der König ritt am Schlage des Wagens der Königin, und grüßte unaufhörlich. –

In Gervinus mit großer Aufregung gelesen, ich schlage mich durch seine Blätter wie durch ein feindliches Lager durch. Er hat große und glückliche Gesichtspunkte, aber auch ganz niedre und beengte, und gar oft muß ich mit seinen Urtheilen im entschiedenen Widerspruche stehen. Für Lessing, Klopstock und Goethe findet er oft guten Ausdruck. Meist aber fehlt etwas. Er ist weder des Allgemeinen noch des Persönlichen vollkommen Meister, er hat nur die Gattungen und Richtungen recht inne; mehr Striche als Punkte. Seine Belesenheit ist ungeheuer.

Einladung als Ehrengast zu den Festen der Buchdrucker.

[S. 218]

Mittwoch, den 23. August 1840.

In Goethe und Lessing gelesen, mit rechter Begier, zur Stärkung! Auch Friedrich's des Großen Geschichtbücher wieder zur Hand genommen, zu den Helden des Siebenjährigen Krieges zurückgekehrt. Für Preußen ist diese Zeit mit ihren Denkmalen und Ueberlieferungen eine Homerische Grundlage. Die Kriege unter Friedrich dem sind auch gewiß größer, als die gegen Napoleon, das heißt, von preußischer Seite genommen.

Johnson ist der englische Gottsched; jener hatte wie dieser seine Verdienste, aber auch große Schädlichkeit. Wir Deutschen waren so klug, unsern Gottsched frühzeitig und völlig aus der Litteratur hinauszuwerfen, dagegen behielten die Engländer ihren zu unberechenbarem Nachtheil in Würden und Ansehen. –

Über Lessing und Herder ist Gervinus vortrefflich, auch schon über Klopstock. Von Lessing aber spricht er am besten. Den versteht er, den faßt er, und das ist wahrhaftig nicht wenig. Wie er zu Goethe'n kommt, da regt er wieder etwas Mißtrauen auf; der ist über ihm, den faßt er nicht, und wo er ihn nicht faßt, da widerstrebt er ihm.

[...]

[S. 221]

Freitag, den 2. Oktober 1840 .

Büchersendungen durchgesehen. Nicht viel Erhebliches. Wirklich könnten zwei Drittheile der Bücher, die in Deutschland gedruckt werden, erspart bleiben. Auch das Allgemeine wird überall örtlich versucht; damit gehen viele Kräfte verloren, und was zu Stande kommt, ist unreif und einseitig.

Trotz der rauhen Luft spaziren gegangen. Den Minister von Kamptz angetroffen, und gemieden, auch andre Langweilige, mit denen nichts anzustellen ist. – Einige Zeit mit Friedrich von Raumer gegangen. In die Wette den König gelobt. Raumer versichert mir, daß sich erst jetzt, durch allerlei Jugenderzählungen ergeben, Tieck habe durch die Bleisoldaten im "Zerbino" nicht die Soldatenspielerei des verstorbenen Königs, sondern seine eigne verspottet; er selber habe eine wahre Wuth gehabt mit Bleisoldaten zu spielen, habe über deren Stehen und Fallen gewürfelt, und für einzelne Figuren ängstliche Theilnahme gehegt. Lustig genug, daß dies alles auf den König gedeutet worden!*)

Der Fürst von Wittgenstein hat einen Schlaganfall gehabt, man zweifelt an seinem Aufkommen. Noch vor kurzem rühmte er sich seines guten Befindens! Mit ihm geht viel unter, viel gewesene Macht, viele Kenntniß der Dinge und Personen. Sein in manchem Betreff unbeschränkt mächtiger Einfluß hatte etwas Trübes, Klägliches; nichts Frisches hat er gewirkt. Privaten hat er viel Gutes erwiesen, er war unter dem Scheine rauher Selbstsucht sehr menschenfreundlich.

[Fußnote:]

*) Spätere Anmerkung Varnhagen's. Aber diese Deutung war doch die rechte! soll nur jetzt nicht mehr gelten.

[S. 222]

Wie ich fand, daß die Katastrophe des Jahres 1806 niemanden zur Schuld zu rechnen sei, als nur allein dem Könige selbst, so find' ich nun, daß auch die Verwirrung, welche seine letzte Lebenszeit trübte, die Mißhelligkeit mit dem Pabste, rein aus ihm selbst hervorging, aus seinem Karakter und seiner Regierungsweise. Nicht Bunsen, nicht Altenstein, nicht Werther können dafür, nur der König selbst, der ohne Prinzipien in widerstreitenden Richtungen sich gehen ließ, wie 1806 in der Politik. Es ist keine moralische Schuld, er wollte redlich das Gute, und glaubte es zu thun; es ist eine intellektuelle, ihm fehlte die Erkenntniß.

Sonnabend, den 3. Oktober 1840.

General von Scharnhorst ruft mich auf dem Gendarmenmarkt an, wir gehen zusammen in Schropp's Laden und besehen Landkarten. Er behauptet, es wird Krieg, gleich auf der Stelle, und Frankreich unterliegt, und wird getheilt; die Franzosen sind das Prinzip der Unmoralität auf der Welt, seit zweihundert Jahren ist dort der Herd alles Bösen, der muß zerstört werden, geschähe das nicht, so wäre kein Gott im Himmel, die Franzosen taugen nichts, also müssen sie untergehen. Ich erwiedre, ja wohl, was nichts tauge, das müsse untergehen, aber dies Schicksal sei der ganzen Welt prophezeit, nicht den Franzosen allein! Er schimpft auf die Franzosen in größter Wuth, wie ein blinder Fanatiker, und stellt einen preußischen, einen deutschen Vaterlandseifer auf, der – ganz französisch ist! Er ist überzeugt, wir werden die ganze Welt schlagen, er versichert, Friedrich Wilhelm der Vierte sei der größte Feld= [S. 223] herr, ein kriegerisches Genie ähnlich Friedrich dem Großen. So wüthet er fort, beschuldigend und preisend in Einem Athem! Ich ruf' ihn zur Besonnenheit auf, sage, hier gelte es ruhige Ueberlegung, und er wird ruhig und besonnen; ich rede in Ernst und Scherz mit ihm weiter, er ist ganz der liebenswürdige, gutmüthige, gescheidte Mann, als den ich ihn längst gekannt, und wir scheiden mit herzlichem Händedrücken in bester Freundschaft. Merkwürdiges Begegniß, das mir viel zu denken giebt! Welch ein Rausch, welch eine Verblendung! Und wenn solche Männer, wenn die Besten davon ergriffen werden!

Mit dem Fürsten von Wittgenstein bessert es sich.

Jeder will dem Andern Maß und Richtung geben, ihm vorschreiben, was er thun und leisten soll, mit seinem Gelde, seinem Range, seinem Haus und Gut, sogar mit seinem Geiste, Talent und Gemüth; da diese Anmaßung immerfort sich erneut, so muß auch immer die Zurückweisung sich erneuen. Auch Gervinus ist sehr geneigt, auf dieser Weise Goethe'n immer zur Rechenschaft zu ziehen; grade Goethe'n denn der hatte am meisten bekommen. Aber was würden wir sagen, wenn von außen ein solcher Prüfer bei uns eindränge, und verlangte Rechenschaft von uns, was wir mit unserem Gelde angefangen?

[...]

[S. 228]

Donnerstag, den 15. Oktober 1840.

Dem Könige wurde heute gehuldigt. Ich sah die Feierlichkeit von den in der Säulenhalle des Museums errichteten Tribünen mit an. Von sieben bis zwei auf dem Platz, aber sehr günstig und bequem, mir zunächst Frau von Arnim nebst ihren drei Töchtern, Professor Homeyer und Töchter, Frau von Horn nebst Marie von Korff und Frau von Griesheim, General von Hedemann und Frau, ein schwedischer Offizier. Sehr gute Gespräche während des Wartens!

Das Ganze war schön, würdig, in gutem Sinn. Von der Rede des Königs konnten wir nichts hören, aber schon seine Bewegungen zu sehen, war ergreifend; man mußte innige, kraftvolle Worte dazu denken. Einfallender Regen störte weniger, als daß man den Bürgermeister von Berlin ganz unten auf den Stufen der ungeheuern Treppe sah; die Ritterschaft hatte oben gehuldigt, er durfte nicht hinauf; ich dachte an [S. 229] den tiers–état in Frankreich, der seine Anträge dem Könige knieend vorbringen mußte. Der Kanonendonner erquickte mich! – Der Leberuf war nur mäßig, nicht allgemein.

Heute Abend stehen in der "Staatszeitung" alle Standeserhöhungen, Beförderungen, Ordensverleihungen, die der König bei Gelegenheit der Erbhuldigung gewährt hat. Es ist nichts von besonderem Werthe in dieser Liste, nichts was den Sinn angenehm trifft, was eine Geistesrichtung andeutet. Einige Günstlinge sind mäßig befördert, das war natürlich; sonst haben Staatskalender und Hofverbindung gewaltet. Man schimpft auf den Minister von Rochow, nennt ihn das böse Prinzip, und meint, so lange der König ihn um sich habe, werde er doch nur der König der Edelleute sein. Sonderbar ist es, daß der König auch hier alle von ihm erhöhten Adelstitel an Grundbesitz geknüpft hat, wie schon in Königsberg. Es scheint, er will den Adel ganz auf den Fuß des englischen stellen. Ohne Parlament, wozu? Wird die neue Schöpfung gelingen? Es ist sehr zu bezweifeln. Einstweilen aber hilft der König den alten Adel zerstören, das ist gewiß!

Meine Biographie des Feldmarschalls Schwerin angefangen.

Die Beleuchtung der Stadt ist sehr reich, das Theater, das Zeughaus, die Akademie sehr schön; der Regen aber ist hinderlich und löscht die Lampen zum Theil aus, die Gendarmenthürme kamen nicht recht zum Leuchten. Das Wetter abscheulich, aber die Straßen dennoch voll Menschen.

(Im Jahr 1850 angemerkt.) Als im Jahr 1840 zu Berlin dem Könige Friedrich Wilhelm IV. gehuldigt wurde, war auch der Kaufmann Milde aus Breslau zugegen, derselbe, der im Jahr 1848 eine Zeitlang Minister war. Er [S. 230] theilte jedoch die damals allgemeine Begeisterung nicht, nicht die Bewunderung, welche das freie Reden des Königs, nicht die Hoffnungen, welche dessen heitre Sinnesart erregte. Ganz im Gegentheil! Er kam nach Breslau mit schlimmen Eindrücken zurück, und versicherte gleich damals mit Betrübniß, der König sei der größte Komödiant, den er je gesehen! Man erinnerte sich dieser Aeußerung, die man mit Empörung damals anhörte, späterhin mit trauriger Anerkennung!

[...]

[S. 232]

Montag, den 19. Oktober 1840.

Herr von Bakunin besuchte mich, als ich noch zu Bette lag. Einen Brief Neweroff's an mich hat er verloren. Von seiner Uebersetzung der Briefe Bettinens sind nur Bruchstücke gedruckt, die übrige Handschrift ist in Verlust gerathen. Er scheint ein wackrer junger Mann, edel und frei gesinnt. Er will hier hauptsächlich Hegel'sche Philosophie hören.

Man rühmt oft, der Tod auf dem Schlachtfelde sei schön; unerwartet, schnell, in höchster Lebensspannung, [S. 233] rühmlich, falle da der Kämpfer, entrückt über so vielen Leiden und Schwachheiten und Erbärmlichkeiten des gewöhnlichen Ausganges durch Krankheit. Ich aber finde, daß der Mensch immer seinen Tod zu einem Tode auf dem Schlachtfelde machen kann, sofern er nur thätig und im Kampfe bleibt, sich nicht ohne Noth zurückzieht. Ja mit zunehmenden Jahren wird das Leben selber zum Kampf, und es gilt Muth und Tapferkeit, es zu bestehen. Jeder neue Tag ist ein Trotzbieten und muß durchgefochten sein.

[...]

[S. 239]

Freitag, den 27. November 1840.

Auftreten des Professor Stahl; Scharren und Zischen der Studenten. "Erste Opposition gegen die neue Regierung."

Abends bei Stägemann. Von Stahl war viel die Rede, von Hassenpflug, der die dreitausend Thaler bekömmt, die für Grimm's recht gewesen wären, von Hexenglauben, Geisterwesen, Beterei.

Dienstag, den 1. Dezember 1840.

Im Hörsaale bei Stahl ist wieder gescharrt und gezischt worden; es ist ein offenbarer Kampf.

Spottgedicht auf Hassenpflug, "Haß und Fluch", nach der Melodie: "Sie sollen ihn nicht haben."

Dreistündige Rede von Thiers gegen Palmerston.

Der Vicekönig von Aegypten verliert Syrien, so scheint es, nun völlig. Ob dieser Erfolg den Verbündeten zum Nutzen bleiben wird? – Noch immer Wassersnoth in Lyon.

[S. 240]

Donnerstag, den 3. Dezember 1840.

Wieder ein betrübender Verlust! Am 26. November starb in Freiburg Karl von Rotteck, mein alter treuer Freund, im sechsundsechzigsten Jahre. In den badischen ersten Ständeverhandlungen lernt' ich ihn kennen, und mußte ihm sehr beistimmen; nachher konnt' er sich in meinen preußischen Standpunkt nicht finden, in meine Goethe'schen und Hegel'schen Sympathieen nicht; doch blieben wir gute Freunde, selbst nachdem seine "Weltgeschichte" in unsern "Jahrbüchern" hart getadelt worden war, was ich nicht hindern konnte, und doch sehr gemildert habe. Er hatte die redlichste Gesinnung, er war ein ächter Freiheitsfreund, und hat tiefgreifend eingewirkt. Die Kleinheit seines Staates und die Enge seines Schauplatzes waren großer Nachtheil für ihn; auch kannte er Norddeutschland gar nicht. Im Jahre 1813 hatte Stein große Liebe zu ihm gefaßt; damals hätte er an unsre Verhältnisse mehr herangezogen werden müssen; nachher hat er von Berlin freilich nur Feindseliges erfahren. Sein Andenken wird in hohen vaterländischen Ehren bestehen!

Thiers bekennt sich öffentlich als Revolutionair, in einer glänzenden Rede, am 27. November.

Sonnabend, den 5. Dezember 1840.

Hofrath Dorow besucht mich. Er versichert, Stägemann leide nicht bloß körperlich, sondern auch am Gemüth, er nehme als Patriot sich die Wendung tief zu Herzen, die er hier in dem Staatswesen eintreten sehe; die Frömmelei und die Bevorzugung der Frömmler sehe er als das Verderben und als die Schande des Staates an.

[S. 241]

In den Goethe–Zelter'schen Briefen war ich manches wiederzulesen veranlaßt. Was stecken in diesen Blättern für Goldkörner! Man spricht viel zu wenig davon, man fand zu viel darin, das hier jeder Lump nahe hat, dem sich jeder gewachsen glaubt, und übersah den geistigen Schatz, der darin niedergelegt ist. Es sind Sprüche und Urtheile darin, die man zu ganzen Abhandlungen, zu Erzählungen und Predigten ausführen könnte. Mir ist eigentlich die Masse noch zu klein, die Lebensfülle nicht vollständig und mannigfach genug. Ich möchte die sämmtlichen Briefe von Goethe, Schiller, Jacobi, Fichte, Rahel, Humboldt, Wolf, Voß u. s. w. in Eine große Sammlung chronologisch vereinigt, und noch mit Erläuterungen ausgestattet sehen; das müßte eine merkwürdige, großartige Anschauung deutschen Lebens geben! – An Friedrich August Wolf dacht' ich mit großer Liebe. "I shall not look upon his like again!"

Es heißt bestimmt, Cornelius komme von München hieher, auf sehr hohe Bedingungen; auch Schelling soll berufen sein, eine Stellung wie Humboldt bekommen etc. Das wäre ein Todesstoß für Steffens! – Schelling und Cornelius in allen Ehren, und ich erkenne sie gewiß als Großwürdenträger, – allein beide stellen das frische Leben nicht mehr dar, beide sind verbraucht und veraltet, jener in der Philosophie, dieser in der Kunst. Zusammen mit Tieck, Arndt, Savigny, den Niebuhr'schen Nachzüglern, A. W. von Schlegel, das giebt kein klares Tageslicht mehr, nur ein nebelhaftes Dämmerlicht, und einen Geruch von Schimmel und Muffigkeit.

In Tacitus gelesen; in Goethe, Novalis.

[S. 242]

Samstag, den 6. Dezember 1840.

Eine Dame sagte mir heute, sie könne nicht klug daraus werden, wie ich eigentlich gesinnt sei, heidnisch oder christlich, monarchisch oder republikanisch, meine Aeußerungen seien aus allen Tonarten, und ließen bald das eine voraussetzen, bald das andre. Ich erwiederte auf diesen Angriff, sie müsse doch recht gut wissen, was ich sei, denn indem sie mir das sage, setze sie voraus, daß ich ein Mann sei, dem man dergleichen sagen könne, und das sei ein ganzes Glaubensbekenntniß werth!

Wie sollt ich mich sonst vertheidigen? Soll ich mich darauf berufen, daß man in allen Erscheinungen das Ideelle lieben, und das Reelle verabscheuen kann?

Geistesfreiheit in Bildungsformen, das könnte mein Wahlspruch sein.

"Durch Bildung zur Freiheit" hatte ich schon vor zwölf Jahren für die Preußen zum Wahlspruch ausersehen.

Montag, den 7. Dezember 1840.

Gestern besucht' ich Bettinen von Arnim, mich für ihr Buch zu bedanken. Sie ist außer sich über die Wirthschaft, die hier beginnt, sie mißbilligt alle Vertrauten und Lieblinge des Königs, sie will Konstitution, Preßfreiheit, Vernunft und Licht. Nun wird der alte Schelling, der alte Schlegel, der alte Cornelius erwartet, das wird eine verfluchte Rumpelkammer! Sie freut sich, daß die Studenten den Professor Stahl bekämpfen, daß Savigny mit seinem Empfohlenen keine Ehre einlegt, daß Savigny selber beim Könige weniger zu gelten scheint; er wollte bei Gelegenheit [S. 243] der Grimm's zu klug sein, und war dumm, er beeiferte sich eine Theilnahme an ihnen zu verläugnen, die unglücklicherweise der damalige Kronprinz für sie hegte. Bettine lobt Humboldt'en und den Major von Willisen, hält aber nichts auf Eichhorn, verwirft Ranke'n ganz und gar. – Sie will dem Könige die Wahrheit sagen, sie habe den Muth und das Geschick dazu.

Der junge [Bunsen] ist dreimal im Offizier–Examen durchgefallen, und giebt diese Laufbahn auf; nun will ihn der nach Brüssel zum Gesandten ernannte Herr von Arnim gern als Legationssekretair mitnehmen. Augendienerei gegen den in Gunst stehenden Vater. Stände der nicht in Gunst, wie würde jener dem Jungen die Thüre weisen!

Man sagt, unter der vorigen Regierung habe eine mecklenburgische Faktion hier geherrscht, unter der jetzigen komme eine hessische auf. (Radowitz, Hassenpflug, Canitz, waren früher in kurhessischen Diensten.)

Der König soll fleißig arbeiten und sehr vergnügt sein. Noch wohnt er in Charlottenburg.

[...]

[S. 245]

Donnerstag, den 10. Dezember 1840.

Schlimme Nachrichten von Stägemann; man zweifelt an seinem Aufkommen. Im achtundsiebzigsten Jahr, nach viel Arbeit und Genuß, kann man wohl müd' und reif sein. Auch früher.

Doktor Carriere ist von Reisen zurückgekehrt, und will Privatdozent bei der Universität werden, Verstärkung der Hegelianer. Werder hat die stärkste Zuhörerzahl in der Philosophie; Stahl hat jetzt, nachdem die Gstbesucher ausgeschlossen worden, vierundzwanzig Zuhörer, und liest nun ohne Störung. – Jakob Grimm ist angekommen.

Abends ungeachtet meines Unwohlseins in die Kritikgesellschaft; Henning, Link, Marheineke, Schulze, Zumpt, Dove, Bernary, Bopp, Boumann. Mancherlei Förderliches, Unterrichtendes. Hübsche Geschichte vom hiesigen katholischen Probst Brinkmann, der einer katholischen Braut, die einen protestantischen Bräutigam hat, vom Heirathen abräth, und, wenn sie doch durchaus heirathen wolle, ihr vorschlägt, den protestantischen Bräutigam laufen zu lassen, und dafür einen katholischen zu nehmen, er habe grade einen jungen hübschen Katholiken, der ihr gewiß gefallen würde etc.

Berliner Parodie auf das Rheinlied: "Sie sollen ihn nicht haben!"

 

Wir wollen ihn nicht haben,

Den Herrn von Hassenpflug,

Wenn gleich die Schaar der Raben

Zum Adlernest ihn trug!

 

[S. 246]

Scheinheiliger Gespiele

Im frommen Knechtlingstroß.

Der Rochow, Stolberg, Thile,

Der Radowitz und Voß.

 

Den stets die Zwingherrn rufen,

Den stets das Volk verschmäht,

Sei auch auf Thronesstufen

Dein Richterstuhl erhöht.

 

Wenn gleich mit Kreuz und Bändern

Man schwarz und roth dich schmückt,

Du kannst den Titel ändern,

Uns hast du nicht berückt.

 

So lang uns Richter schützen,

Durch Muth und Geist erhellt,

Und frei im Rathe sitzen,

Der frei sein Urtheil fällt;

 

So lang statt andrer Wehre

Ein Lied ist unser Schild,

Gefühl für Recht und Ehre

Uns für Verfassung gilt;

 

Geschichte wird geschrieben

Mit unentweihter Kraft,

So lang Ein Mann geblieben

Aus Preußens Ritterschaft:

 

So wollen wir nicht haben

Den Herrn von Haß und Fluch,

Den Holland, Hessen, Schwaben

Verdammt mit Einem Spruch!

 

Man sagt, das Gedicht werde heute dem Könige mitgetheilt. Immer gut, daß er es kenne.

[S. 247]

Montag, den 14. Dezember 1840.

Der König soll sich auf die Ankunft August Wilhelm's von Schlegel freuen, weil der ihn belustigen wird, mit den geschminkten Backen, der Spiegeldose, den verschiedenen Perrücken, den kolossalen Eitelkeiten; eine Art Gundling in unsrer Zeit!

Man sagt, der König soll weniger erzürnt als betroffen sein über das Gedicht gegen Hassenpflug, das ihm der Minister von Rochow gezeigt hat, so wie über manche Zeitungsartikel, die in dieselbe Richtung einschlagen. Er soll gesagt haben, er sehe sich ganz falsch beurtheilt, seine Meinung und Absicht verkannt, man würde schon sehen u. s. w.

Heute Nachmittag überkam mich eine eigenthümliche Gedankenreihe, doch dies ist nicht das rechte Wort, es war ebensowohl eine Bilderreihe, ich schaute die Geschichte an, die Gestalt alles Ueberlieferten, und es schien mir gar nicht der Mühe werth, das Wahre da herauszuklauben, und ganz verlorene Mühe, das Falsche da eindrängen zu wollen. Die Hauptsache ist das Sein, das allein besteht und gilt; ich denke mir dieses in einer sichtbaren Wirklichkeit als eigenstes Selbst irgendwie dargestellt, worüber unsre Gebilde, unsre Scheine, nur wie Wolken wegziehen. Was hilft es mir, mich zu schmücken für die Nachwelt, mich in Ruhm und Ehre zu kleiden, werd' ich dadurch im geringsten anders im Wesen, oder ist das Trugbild irgendwie noch ich? Diese Gedanken sind nicht neu, auch mir nicht, aber die Anschauung war mir's, und setzte mich in angenehmes Erstaunen wie eine Offenbarung.

"Die großen Phantasien, welche man Religionen nennt", sagt' ich gestern. Auch: "Ein Künstler ist, wer Gedanken als Bilder setzt."

[S. 248]

In Tacitus gelesen, in Puschkin; in den Episteln des Paulus. – Briefwechsel Friedrich's des Großen mit Algarotti. – Schulenburg's Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Siebenjährigen Krieges.

Die Engländer siegen in Syrien, in China.

[...]

[S. 249]

Montag, den 21. Dezember 1840.

Stägemann's Beerdigung um acht Uhr früh; ich war zu unwohl, konnte ihr nicht beiwohnen.

[S. 250]

Die Beisetzung der Gebeine Napoleon's in Paris am 15. d. ist ruhig abgelaufen. Ich hatte es immer vorhergesagt, das könne kein Tag des Ausbruches sein.

Ueber den König spricht man hin und wieder sehr ungünstig. Die Leute sagen, alle seine Thätigkeit bringe nichts hervor, als daß sie die alte Ordnung verwirre; die Geschäfte gingen noch schwieriger als vorhin. Das Verlangen nach Konstitution müsse unter diesen Umständen nur stärker werden, sie werde zuletzt ein unabweisbares Bedürfniß, denn das sei ein Unbehagen für jederman, nicht recht zu wissen, wie man dran sei. Ich muß doch den König sehr vertheidigen; er hat wahrlich schon viel gethan, und wahre Hauptsachen, deren jede für eine Richtung gelten kann. Eichhorn's Ernennung, Boyen's Herstellung, Tieck's Begünstigung, Arndt's und Jahn's Freisprechung, die Berufung der beiden Grimm, die Amnestie, die ausgesprochenen Gesinnungen in Betreff der Presse, des Theaters etc. Das sind schon große Dinge, in kaum sechs Monaten voll Unruhe, Feierlichkeit, Sturm von außen!

Die Leute sagen auch, der verstorbene König sei als ein Wortbrüchiger aus der Welt gegangen, das seinem Volke freiwillig und feierlich gegebne Versprechen einer Konstitution habe er nicht erfüllt, und Gott habe ihm doch fünfundzwanzig Jahre dazu Zeit gelassen!

 

Montag, den 23. Dezember 1840.

Der König hat eine halbe Stunde nach der empfangenen Nachricht von Stägemann's Tod einige Zeilen an Herrn von Olfers geschrieben, ungefähr so: "Ich beklage und erkenne den Verlust an Geist, Verdienst und Liebens- [S. 251] würdigkeit, den das Vaterland und ich in Ihrem theuren Schwiegervater machen. Von meinem innigen Beileid sind Sie beide überzeugt. Gott tröste Ihre Frau."

Man erwartet hier neue Verordnungen in Betreff der Sonntagsfeier, des Kirchenbesuchs, der geistlichen Zucht überhaupt. Göschel soll in diesen Sachen arbeiten.

Die Beliebtheit des Königs schwindet immer mehr; die Anstellung von Hassenpflug war ein arger Mißgriff, die ganze Justiz ist empört. Eben so hassen die Militairs den Herrn von Radowitz, der übrigens durch seine Günstlingschaft ganz schwindlicht ist, sich aufbläht und spreizt, und dem man einen baldigen Sturz prophezeit. Man sagt, er sei der tollste Lügner, so zum Beispiel sei er nie in der École polytechnique gewesen, General von Scharnhorst habe es ihm bewiesen. – Man hat ziemlich allgemein vom Könige die Meinung, er sei weich und schwach, und werde nicht ernstlich durchgreifen, eine schlimme Meinung, die leicht zur Härte nöthigen kann!

Neue Ausfälle des Herrn von Schön in Königsberg für Konstitution und gegen Rochow. Dieser Kampf ist nichts weniger als beigelegt. Es regen sich ernste Unternehmungen. Ich bin sehr besorgt, daß dem Könige noch viel Verdruß von daher kommen wird! Ich fürchte, er ist übel berathen, und sieht nicht alles in seiner Wirklichkeit, sondern in falschem Schein. Offenbar ist die Welt anders, und in dieser Anderheit mächtiger, als er denkt! Falsche Maßregeln, solche, die nicht durchzusetzen sind, die man zurücknehmen muß, werden unendlich schaden. Ich fürchte, ich fürchte! Säh' ich nur mehr ächte Freunde um ihn, Freunde, die sein Heil, nicht ihres wollen! Humboldt und Willisen sind solche; aber wer noch?

[...]

[S. 253]

[...]

Sonnabend, den 26. Dezember 1840.

In der höchsten Gesellschaft hier, in der Umgebung des Königs, im Bereiche seiner Gunst, ist alles hochgespannt, und Schmeichelei, Bewunderung, Unterwerfung sprechen und handeln in übertriebenster Weise, so daß der bloß redliche Eifer, die treue Gesinnung und freudige Anerkennung, beschämt zurückstehen, und sich sogar müssen verunglimpfen lassen, wie Cordelia im "Lear". Glücklicherweise ist der König kein Lear, aber Regan und Goneril sind ihm zur Seite, und doch nicht ohne Einwirkung auf ihn. Der [S. 254] König will die Presse freier machen, liberale Meinungen gestatten, ist aber doch bei jeder Aeußerung empfindlich, ja aufgebracht, und es wird an solchen Leuten, die dies benutzen um ihn anders zu stimmen, nicht fehlen. Ich sehe klar, daß ich in jenem hohen Kreise nicht acht Tage ausdauern könnte; auf die Franzosen, auf Thiers, muß weidlich geschimpft, Verfassung und Stände mit Haß und Hohn, Adel und Geistlichkeit mit unbedingter Verehrung bezeichnet werden. Und jeder Begünstigte lauert den andern auf, ob sie vielleicht lau und schwach sind; daher der Wetteifer, die Steigerung.

Die Liberalen sind im Publikum vorlaut, und das dient den Ultras trefflich, den König mehr und mehr auf ihre Seite zu bringen. Reizten die Liberalen den König nicht durch ihren Einspruch, so würden die liberalen Neigungen, die er doch wirklich hat, ihn von selbst den Ultras ablenken, und die Unzufriedenheit dieser würde dann zur Opposition werden. Unsre Aristokraten haben ohnehin zu dieser stehts große Lust. Die vornehmsten Männer im Staate verweilen mit Wohlgefallen auf den kleinen Unbeholfenheiten und Irrungen, die stets eine neue Regierung begleiten, und angesehene Militairpersonen äußern mit nachdrücklicher Zuversicht, der König werde nicht vergessen, daß er König von Preußen ist, das heißt, Beherrscher eines Staates, der sich wesentlich auf das Kriegswesen gründet, und daß eine Vermehrung der Kriegsmacht nöthiger sei als die der Kunstschätze, eine Schwadron Reiter nützlicher als alle Ariadnen, Amazonen u. s. w. – Man sieht aus dergleichen Redensarten, daß eine Faktion vorhanden, die da herrschen will, und den absoluten König preiset, so lang er in ihrem Sinn verfährt, sich aber heftig gegen ihn zu wenden bereit ist, sobald er jenes nicht thut. Der Him- [S. 255] mel gebe dem Könige Kraft, stets seinen Standpunkt über den Partheien zu behaupten!

Sonntag, den 27. Dezember 1840.

Ein junger Freund stellt mich zur Rede, wie es möglich sei, daß ich mich gegen Konstitution, ja nur zweifelhaft darüber äußere! Ich erwiedre ihm, ich sei im Innern vor wie nach entschieden konstitutionell, und würde nichts lieber von allem, was mir noch zu erleben möglich sei, verwirklicht sehen, als ein preußisches Parlament, oder auch ein deutsches, wenn es dazu kommen könne. Aber was mich für Preußen und für den gegenwärtigen Zeitpunkt bedenklich mache, das sei die Rohheit und Bornirtheit derer, in deren Hände jetzt die gute Sache fallen müßte. Ich glaubte, der gute Augenblick sei versäumt, man müsse seine Wiederkehr abwarten, und nicht den schlimmen ausbeuten wollen. – Näher befragt über die Rohheit und Bornirtheit, die mich erschreckt, gab ich Auskunft und Beispiele. Es ist wahr, man könnte die Satisfaktion haben, manchen hochstehenden Halunken gestürzt zu sehen, aber wie theuer wäre dies erkauft, wenn man dafür alle Macht in den Händen von X. Y. Z. sehen müßte, vor denen sich zu beugen dann weit härter wäre, als vor der jetzigen Beamtenwelt. Eine Freiheit, wobei vielleicht Börne's Statue errichtet, aber die von Goethe gestürzt würde, könne ich nicht wünschen, u. s. w. Die Beispiele machten doch Eindruck. Ich gab übrigens die Versicherung, daß, wenn etwas Vernünftiges je auf die Bahn gebracht würde, man mich nicht säumig finden solle; ich hätte ja schon vor einundzwanzig Jahren, als ich noch verheirathet und voll [S. 256] persönlicher Hoffnungen war, im fremden Land und in fremder Sache, meine Gesinnung so dargethan, daß ich darüber alles verloren und meine diplomatische Laufbahn völlig verscherzt habe!

– Armseliges politisches Gewäsch, das ich hier anhören muß, versöhnt mich fast mit dem der französischen Blätter. Unsre kleinen Offiziere sind mit ihrer Kriegsbegierde und deren Gründen und Triebfedern nicht viel anders, als die an der Seine. Ein Theil will wenigstens nur auf die Franzosen losschlagen, ein andrer Theil aber auch gar zu gern auf das eigne Volk, wenn es nur mucken sollte! Bewahre der Himmel uns, daß wir dies erfahren müßten! Das Volk droht uch ganz unvernünftig. Und wenn das so fort geht, haben wir bald nur äußerste Partheien, die feste Mitte der Mäßigung löst sich nach beiden Seiten auf.

Es giebt Leute hier, die gradezu sagen, von selbst werde der König freilich keine Konstitution geben, das könne man nicht verlangen, drum aber müsse er gezwungen werden, und das Volk würde das schon thun; um so schneller, wenn es zum Kriege käme! So hoffen beide feindliche Partheien den Krieg, und jede sieht ihren Sieg voraus!

Mein Glück ist, daß ich jetzt nichts mit Staatssachen zu thun habe; in dieser Lage der Dinge find' ich keine Handhabe, an der ich sie fassen könnte; sie müßten erst besser werden, daß ich darin für mich zu thun fände, – oder schlimmer!

Montag, den 28. Dezember 1840.

Den General von Boyen gesprochen; ein vortrefflicher Mann, der noch sehr rüstig ist. Er hat in seinen alten [S. 257] Tagen eine große Genugthuung, wie Beyme und Wilhelm von Humboldt sie nicht erlebt haben. Ob er noch Kriegsminister werden wird? Ich zweifle.

Donnerstag, den 31. Dezember 1840.

Die neusten Ernennungen in den Staatsrath (Streckfuß und Krosigk) werden mit Unlust aufgenommen, man sagt, sie seien schwächlich und bedeutungslos. Die Ernennung des Herrn von Miltitz aber zum Leiter einer diplomatischen Pflanzschule erweckt lauten Schrei des Staunens und Widerwillens. Man fragt, ob denn dergleichen möglich sei?

[S. 258]

1841.

Sonnabend, den 2. Januar 1841.

Es gährt hier eine stets wachsende Unzufriedenheit, die wirklich gefahrvoll zu werden droht. Die alte Beamtenwelt ist dem Könige entschieden feindlich. Der Liberalismus zeigt eine nicht geahndete Verbreitung und Offenheit gegen Aristokratismus und Pietismus. Im Volk ist viel gesunder, kräftiger Sinn, aber auch sehr viel Anlage zum Terrorismus. Dem Könige sagt man vielerlei Uebles nach. Ein bittres Lied ist in Umlauf, wieder eine Parodie von "Sie sollen ihn nicht haben"; es wird gesagt, wir wollen sie nicht haben, die Könige, welche so und so – und dann werden die von Baiern, Hannover und Preußen bezeichnet! – So schnell nach dem allgemeinen Enthusiasmus, vor dem eine Zeit lang jeder Widerspruch verstummte! – Sei es wie es sei, der Tag würde für Preußen die unglücklichste Wendung sein, der in dem Könige nicht mehr den Vereinigungspunkt aller guten Richtungen zeigen wollte. Ich glaube fest, Preußen bedarf seines Königs, und kann desselben nicht entrathen. Nun, fürerst ist auch wohl keine Noth deßhalb!

[S. 259]

Sonntag, den 3. Januar 1841.

Nicht ohne großen Schaden geht es ab, wenn falsche Autoritäten sich verbreiten, schwache, ungenügende, untergeordnete Grundsätze und Muster in einer Nation die Oberhand bekommen, in einer Stadt, in einem Kreise, und den Raum einnehmen, der dem Aechten, Ausreichenden, Ersten gebührt. Auf eine gewisse Zeit kann dies vollkommen gelingen, und ganze Geschlechter können in einer solchen Retardation befangen bleiben. Wir Deutsche haben darin Erfahrungen gemacht; welche Krebsschäden waren für uns Gottsched, Kotzebue, selbst Adelung! Wie hat den Engländern ihr Johnson und selbst der treffliche Bacon von Verulam geschadet! Sie können sich von beiden noch jetzt nicht erholen.

Eine solche schlechte, unzulängliche Autorität wird hier jetzt in militairischen Sachen aus Clausewitz gemacht, und gewiß bleibt der Schaden nicht aus! Als die ersten Bände seiner nachgelassenen Schriften erschienen, sagte ich dem General von Rühle mein Urtheil, daß ich ihn äußerst schwach fände, wo die Untersuchung eine geistige sein müßte, und daß er da, wo der Geist nicht sonderlich zu bemühen wäre, den pedantischen Aufwand davon zu machen strebe; ich glaubte, daß dies Buch, mit allen seinen hohen Ansprüchen, am wenigsten für den Unterricht zu empfehlen sei. Rühle gab mir größtentheils Recht, forderte mich aber auf, mein strenges Urtheil nicht laut zu sagen; das Buch mache uns doch Ehre, und man müsse ihm und dem Namen des Verfassers nicht schaden, schon um des Auslandes willen, das Achtung vor dem Werke haben solle. Ich ließ die Sache fallen. Seitdem hat sich aber auch erwiesen, daß Clausewitz die Kriegsgeschichte nicht [S. 260] minder locker und ungenau behandelt ht, als die Kriegslehre, trotz aller logischen Peinlichkeit, die er auf die letztere nutzlos angewandt. Die Sache steht also noch schlimmer, als vorher. Die Autorität hingegen ist in der Zwischenzeit hoch aufgeschwollen, die preußischen Offiziere schwören darauf, und machen es zu einer Ehrensache, daß Clausewitz der beste Schriftsteller über das Kriegswesen sei, ja sie sagen, ein Preuße dürfe als solcher keinen andern Glauben haben, als den an Clausewitz! In solchem Sinne hör' ich öfters reden, und auch der Major von Griesheim, der alle Vorlesungen bei Hegel gehört, und dem ich einen besser geschulten Kopf zugetraut hätte, sprach neulich von diesen Schriften, wie von dem Buche der Bücher! Ich glaube, er sagte es für mich, und meinte es gegen Willisen's Buch! – Nun ja, Willisen wird in seiner Fahrt gar oft auf die Sandbank stoßen, die durch Clausewitz im Strome sich angeschwemmt hat!

Clausewitz hat auch viel Gutes, wer könnte das läugnen? Und wo er von Personen spricht, die er gekannt, von Ereignissen, die er gesehen, da ist er stets von Bedeutung. Nur grade als wissenschaftliche Lehrbücher find' ich seine Schriften schwach. Man sieht auf allen Seiten, daß er sich mit der Logik von Kiesewetter gequält und über die nie hinaus gekommen ist. (Wir hörten beide zusammen die Kiesewetter'schen Vorlesungen, auch Rühle.)

[...]

[S. 262]

Freitag, den 8. Januar 1841.

Die heutige "Staatszeitung" erklärt, daß ein sogenanntes Religionsedikt durchaus nicht im Werke sei. Eine Erklärung, welche der Geist des Volks offenbar wider die Neigung des Königs ihm abgedrungen! Die Erklärung ist so abgefaßt, daß sie sogar zuzugeben scheint, ein solches Edikt würde etwas Schlimmes sein. –

Der König erweckt mir wahrhaft Sorge und Bedauern. Ich höre persönlich nur Gutes von ihm, die redlichste Absicht, den besten Eifer. Aber politisch erscheint er mir schwankend und rathlos, von Leuten umgeben, die hauptsächlich nur sich wollen, in extremen Meinungen leben, und nur in diesen sich behaupten. –  Man arbeitet eifrigst daran Herrn von Schön zu stürzen und auch Herrn Minister Eichhorn, der den Ultras ein Dorn im Auge ist. Humboldt ist auch das Ziel geheimer Angriffe, und er selber des erfolglosen Kampfes herzlich müde. –

Man führt aus Suetonius die Stelle mit Bedeutung an: "Omnes ordines subinde, ac memoriter, salutavit. Agenti senatui gratias, respondit: Quum meruero." (Ner.c.10.)

Ich habe mich in des alten Gellert Schriften wieder umgesehen, und den Roman "Die schwedische Gräfin" gelesen; da findet sich denn gleich Incest und Bigamie, un dall der Greuel, von dem die dummen Leute thun, als hätten erst heute Balzac und Victor Hugo solche Romanstoffe gewählt! So thun sie auch öfters, als sei es seit [S. 263] gestern erst Mode, Briefwechsel drucken zu lassen; sie mögen den Gellert'schen einmal ansehen, in welchem übrigens sehr Schätzenswerthes zu finden ist, zum Beispiel eine vortreffliche Schilderung der Person Laudon's. Mir war das Durchgehen dieses alten Autors wirklich zur Belehrung, auch in Betreff der Sprache und Schreibart. Gervinus handelt sehr gut von ihm, aus frischer, genauer Kenntniß.

Der Fürst von Wittgenstein hat einmal vor mehreren Jahren zum damaligen Kronprinzen gesagt: "Wenn Ew. Königliche Hoheit einst an die Regierung kommen, können Sie nichts Besseres thun, als wenn Sie den Krauseneck und den Eichhorn als Landesverräther geradezu wegjagen!" Beide hatten, jeder in seinem Amtskreise, der unbedingten Hingebung an Oesterreich entgegengearbeitet.

Sonntag, 10. Januar 1841.

Gestern Besuch von Herrn von Bakunin; merkwürdige Erzählungen aus Rußland. Ein rechtschaffener junger Mann, von edlem Geist! –

Ein Hauptgrund, jetzt lieber keine Konstitution zu wollen, ist mir freilich der, daß, nach meiner Kenntniß der Personen, in diesem Augenblicke doch nur ein aristokratisches Machwerk hervorgehen könnte, das wieder umzustoßen einst harte Kämpfe kosten müßte. Etwas Tüchtiges, Zureichendes, Gescheidtes, können wir in dieser Richtung jetzt nicht hoffen; schon Rußland und Oesterreich hindern das. Und wer dürfte anzurathen wagen, diese Bande frischweg zu zerreißen?

Andrerseits aber verleiden mir auch die Menschen, denen die Konstitution zuerst in die Hände fiele, um darin zu [S. 264] wirken, jeden Gedanken an ihre Herbeiziehung. Rohe, schneidende Meinungen würden sich mit ihr bewaffnen, gemeine, beschränkte Gesichtspunkte würden vorherrschen, – mich schaudert, wenn ich mir die Leute ansehe, denen vermuthlich bei Preßfreiheit und Konstitution das Uebergewicht beschieden wäre.

Saint-Simonistische Anordnungen wären mir freilich lieber, als konstitutionelle; aber auch diese wären mir hochwillkommen, dürft' ich wahre, ächte jetzt hier hoffen, von guter Stimmung und Einsicht aufgenommene, erfüllte!

[...]

[S. 263]

Freitag, den 22. Januar 1841.

Prächtiges Wort vom Geheimerath Böckh, als die Rede davon war, den englischen Sonntag hier einzuführen: "O damit können wir sehr zufrieden sein, wenn wir nur auch die sechs englischen Wochentage bekommen!" –

Ernennungen: Herr von Miltitz zum Aide-Maître de Cérémonie; Geheimerath Kortüm zum einstweiligen Verwalter der Königlichen Bibliothek. Der Oberst von Martens soll nächstens als Gesandter von Lissabon abgehen. –

Hier verbreitet sich in allen Kloassen immer mehr Unzufriedenheit, Mißbehagen, Schwanken; besonders ist in [S. 266] den Beamten eine große Entmuthigung sichtbar. Ueber den Minister Eichhorn wird schrecklich geklagt, er sei die Schlauheit selbst, aber auch die Zaghaftigkeit, und werde es gewiß nicht lange treiben. – Die Königin soll vielen Einfluß haben, oder eigentlich die Oberhofmeisterin Gräfin von Reede, ohne Leidenschaft, nach persönlicher Zuständigkeit. – Allgemein beschuldigt man den König großer Schwäche. –

Es war früher beschlossen, diesen Winter solle bei Hof nicht getanzt werden, und der König wollte gar nicht in Berlin bleiben; seit dem unangenehmen Lärm über die Absicht, kopfhängerische Kirchenstrenge hier einzuführen, ist aber nun bei Hofe wöchentlich Ball, um den Berlinern zu zeigen, daß man weltlich gesinnt sei. Wenigstens legt das Publikum die Sache jetzt so aus. –

Man fürchtet entsetzlich die nächsten Provinzialstände; sie werden in allen Provinzen diesmal zugleich Statt haben, es soll unmöglich sein, dies abzuändern; der Minister von Rochow soll nicht gewagt haben, dazu einen Vorschlag zu machen. Man fürchtet, daß sogar die märkischen Stände von Konstitution reden werden.

Ein Blatt des "Telegraphen" ist in allen Kaffeehäusern von der Polizei aufgesucht und weggenommen worden; es stand darin ein Räthsel, ein Vater habe seinen Kindern wegen guten Betragens ein Geldstück versprochen, da sie aber noch zu klein waren, ihnen unterdeß Rechenpfennige gegeben, nachher, als sie herangewachsen, hätten sie den Vater erinnert, der ihnen aber geantwortet, sie wären ja schon abgefunden u. s. w. – Herr Minister von Schön läßt eine lithographische Schrift umlaufen, "Woher? und wohin?" betitelt, die ganz im konstitutionellen Sinn ist. –

[S. 267]

Ein Volkswitz: zwei Bürger vor einem Bildnißladen betrachten das Bild des vorigen und des jetzigen Königs: "Zwei selige Könige!" sagt der eine. – "Was soll das heißen?" fragt der Andre. – "Ei nun!" versetzt der Erste, "jener ist der hochselige, und der ist der redselige!"

 

Sonnabend, den 23. Januar 1841.

Ich werde gefragt, ob ich denn nicht mehr so konstitutionell gesinnt sei, wie ehmals? Ich antworte, o ja, im Wesen vollkommen so wie sonst; aber in der Anwendung auf die Zeitumstände müsse ich für Preußen jetzt große Zweifel haben. Aussicht eines Krieges mit Frankreich, an den ich zwar wenig glaube, dessen Möglichkeit ich aber doch nicht abläugnen kann. Neue Regierung, noch nicht völlig eingerichtet, in kaum begonnener Entwicklung. Veränderte Stimmung und Forderung. Dies sind wichtige Momente, besonders das Letztere. Hätten wir 1817 eine Konstitution bekommen, so wäre alles mäßig einhergegangen. Frankreich und England waren konstitutionell weit hinter dem zurück, was sie jetzt sind, Rußland hingegen weiter vor als jetzt; wir liegen jetzt viel heftigern Zuckungen ausgesetzt, da von Westen die fortreißenden Kräfte so viel stärker geworden, von Osten die zurückhaltenden. Wir wären damals in ein gelindes 1789 gerathen, jetzt müssen wir fast in ein heftiges 1793 fallen. Ich wäre mit Mirabeau, mit Lafayette gegangen; mit Robespierre und Saint-Just nicht. Freilich ist es die Schuld der Regierung, daß die Verhältnisse so viel schlimmer sind, die Zögerungen erscheinen jetzt als Versäumnisse; aber gleichviel! die Verhältnisse sind einmal so schlimm, [S. 268] und ich kann mit gutem Gewissen, auf diese Zeitumstände keine konstitutionelle Bewegung gründen wollen. In jener früheren Zeit wäre ich mit Wilhelm von Humboldt, Stein, Beyme, Altenstein, Stägemann, Gruner, Oelsner, Ludwig Wieland, Weitzel, Eichhorn, Schleiermacher, und vielen Aehnlichen gewesen; mit wem sollt' ich jetzt sein? Mit der unwissenden, rohen Menge? mit der überdreisten, erfahrungslosen Jugend, die das Wort in den Tagesblättern führt? Wie häufig muß ich Unsinn und Frevel anhören, der mich froh sein läßt, daß solcherlei noch nicht in Schrift und Wort mächtig werden kann! – Diese Betrachtungen sind es, denen ich folge. Deßhalb vermag ich im Augenblicke nicht einzustimmen in den unbestimmten Ruf nach Konstitution, nach Reichsständen. Ueberdies möcht' ich dem Könige Zeit gelassen sehn, sich zu entwickeln und einzurichten. Er meint es gewiß vortrefflich, er hat große geistige Gaben, sehen wir doch erst, was er leisten wird, welche Gestalt seine Regierung annimmt. Die jetztige Verstimmung kann noch nichts entscheiden, das Gewölk  zieht vielleicht vorüber, und der Tag steht als ein heitrer und segenvoller da. Ich möchte es dem Könige nicht zu Leide thun, jetzt von Konstitution zu reden; aber wenn nicht dafür, so auch gewiß nicht dagegen; gar nicht, ist für den König am besten. –

Hielten mich nicht jene Betrachtungen zurück, und dann auch die Rücksicht auf mich selbst, meine verminderten Kräfte, meine alternden Jahre, so wäre ich gern bereit, ich läugne es nicht, der konstitutionellen Sache in Preußen den Rest meines Lebens zu widmen. Keine Gefahr, kein persönliches Mißgeschick dürfte mich schrecken. Ohne Frau und ohne Kinder bin ich bei meinem Thun und Lassen allein beteiligt; Haß und Verfolgung, Bann, Verlust des [S. 269] Einkommens und Vermögens, Gefängniß sogar, – was machte mir das? Und welch hoher Ehrgeiz, am Ende meines Lebens noch diese vaterländische Bahn zu durchlaufen, meinen Namen in der Welt berühmt zu machen! Die Lockung ist wahrlich nicht gering! – Und ich weiß, ich könnte viel thun, ausrichten und anregen, außerordentlich viel! Es fehlt an einem Vertreter, der die Brücke hinter sich abwirft, und mit Geschicklichkeit, Maaß, Klugheit – ich darf mir diese beilegen – die Meinungen zu führen unternimmt, sich an die Oeffentlichkeit wendet, Verbindungen knüpft! Alles das könnte mir sehr gelingen, und die Gegner würden sich besinnen, ehe sie brutal gegen mich verführen, und thäten sie's, nun so wäre meine Stellung nur um so größer! – Für 1789, ja! Für 1793, um keinen Preis! –

Nein, liebe Freunde! still und gelassen! Schweigen und Harren! –

Tönt die Sturmglocke, lodern Flammen empor, ja dann ist's wieder ein anderes, dann gilt es einzugreifen! Aber noch tönen nur Schellen, noch flackern bloß Lichter.

 

Donnerstag, den 28. Januar 1841.

In der Kritikgesellschaft: Henning, Marheineke, Schulze, Schutz, Dove, Benary. Neue Schwierigkeiten wegen unsrer Zensur; der gemachte Vorschlag, daß ich den "Jahrbüchern" das imprimatur geben soll, scheint den Ministern zu mißfallen, und Herr von Stein muß daher sagen, Herr von Henning habe ihn bei seinen im Namen des Ministers Eichhorn gemachten Eröffnungen wohl nicht richtig verstanden. Dummes Zeug! Wenn die Herren nicht wol- [S. 270] len, so mögen sie's bleiben lassen. Aber wir werden's auch bleiben lassen, und bei der ersten Zensur–Dummheit die "Jahrbücher" aufgeben. Hol' der Teufel alle die Halbheiten! –

Der König hat der katholischen Geistlichkeit den freien Verkehr mit dem Pabst erlaubt. Bis jetzt hat nur Belgien dies gethan. Die Sache ist wohl unschädlich, und an sich zu billigen, sie erscheint aber vor der Welt als Schwäche, und – setzen Andre hinzu – geschieht auch wirklich aus Schwäche. –

Oeffentliche Sitzung der Akademie der Wissenschaften heute; Friedrich von Raumer las eine Abhandlung, worin vorkam, die Theologen von Uppsala hätten ein Verbot der Philosophie des Descartes nachgesucht. Der König wohnte der Sitzung bei; er mußte nothwendig an seine Theologen denken, die ein Verbot der Hegel'schen Philosophie wünschen.

[...]

[S. 271]

Sonntag, den 14. Februar 1841.

Was muß der König alles über sich ergehen lassen! nicht nur Tadel, sondern rohen, hämischen Tadel, schonungslose Gehässigkeit, boshaften Mißverstand, absichtliche Verläumdung! Und im Grunde geht es jedem so, der in irgend einer Art ausgezeichnet steht, oder sonst bedeutend ist. Was hat nicht Goethe in seinen alten Jahren alles erleiden müssen von der umgebenden Gemeinheit, Eifersucht, Verkehrtheit und Dummheit! Sein Ruhm, sein Alter, seine ehrfurchtgebietende Stellung, haben ihm nichts ersparen können, im Gegentheil die Widrigkeiten herbei- [S. 272] gezogen. Wie erging es Hegel'n, wie jetzt Tieck! Wie schimpfen die Leute voll Unverstand und Gehässigkeit auf jeden Mann im Amte! Es ist ein Krieg Aller gegen Alle, ein Mittelalter von Fehden und Gewaltthaten, mitten im Frieden! Ich glaube sogar, der lange Friedenszustand ist schuld, daß die feindlichen Elemente, die sich sonst im Felde Tod und Wunden zu geben haben, sich auf die bürgerlichen und litterarischen Verhältnisse werfen, und da ihren Grimm auslassen. Dabei fühlte jeder seinen beklommenen Zustand, seine Gebundenheit, sein gereiztes Mißbehagen, und macht sich Luft, wo und wie er eben kann, natürlich am seltensten da, wo er am liebsten möchte, am meisten da, wo es ihm nicht hilft, und wo er daher nutzlos leidenschaftlich ist. Als letzte Zuflucht dienen die armen Schauspieler, und andre Künstler, und Schriftsteller. Es ist ein Jammer, wie jeder Mensch, und jede Handlung und jedes Spiel nur da zu sein scheint, um zerlegt, beschmutzt und zerfetzt zu werden! – Ich halte diesen Zustand bei uns für ein Erzeugniß der zu wenigen Freiheit, nicht der zu vielen. Denn jene ist es, die mißbehaglich, unsicher und grimmig macht. Aber dieser Zustand – den die Regierung schwer fühlt – macht es nun ungemein schwierig, mehr Freiheit zu geben. Was würde bei völliger Preßfreiheit für eine Fluth von Schlammwasser hervorbrechen! Man hat zu lange gewartet. Und doch bleibt jetzt nichts übrig, als das Versäumte nachzuholen; man muß etwas thun, man muß mehr Freiheit geben, wenn man nicht in immer größeres Mißverhältniß sinken will.

[...]

[S. 281]

Donnerstag, den 11. März 1841.

Schöne Mittagssonne; in wärmster Frühlingsluft gestern und heute auf der Sonnenseite der Linden spaziren gegangen, anderthalb Stunden, zwei Stunden. Viele Personen gesprochen. Die Politik bricht wie eine Ueberschwemmung ein, auch mich reißt sie wider willen fort, und ich muß immerfort auf politische Erörterungen eingehen, sogar die Frauen fangen solche Gespräche mit mir an. R[eimer] sprach mit mir als unbedingt Konstitutioneller, verlangt Reichsstände, Preßfreiheit usw. B[lankensee] als verknöchterter Absolutist, als schon fertiger Emigrant! – Noch ist das alles unfruchtbar, und ich such' es mir vom Halse zu halten; aber es wird auch meine Zeit vielleicht noch kommen, daß ich mitrede! –

[...]

[S. 299]

Freitag, den 14. Mai 1841.

Nach der frischen, kräftigen Kriegsbewegung von 1813 bis 1815 schien der Kern dieser siegreichen Kräfte für lange Zeit der Herrschaft sicher, Hardenberg, Stein, Gneisenau, Humboldt, Boyen etc. standen in den höchsten Aemtern, Arndt, Görres, Jahn etc. genossen des größten Ansehns. Doch schon im Jahre 1816 hatten die Aristokraten (Servilen, Obskuranten) entschieden die Oberhand, und gewannen sie in reißenden Fortschritten mehr und mehr, bis nach wenigen Jahren jene Männer und ihre Gesinnung völlig verdrängt waren, oder sich in untergeordneten Aemtern, in schmiegsamer Stellung mühsam hielten. Am längsten kämpfte Schleiermacher in seinem kirchlichen Gehäg, aber auch er ward endlich überwunden. Und wer waren die Mächte, denen diese Helden erlagen? Elende Persönlichkeiten, schwache Talente, gemeine Kotterieen, aber sie beherrschten den Hof, die Gesellschaft, die Tageserscheinung, und eine alte Gräfin Goloffkin oder Tauenzien galt hier mehr, als ein würdiger Staatsmann. So fiel Gneisenau durch eine plumpe Intrigue, Stein wurde weggeärgert, [S. 300] Humboldt verschickt, dann mit Boyen und Beyme entlassen, Gruner entfernt, ich ebenfalls, Arndt und Görres dann verfolgt, Jahn verhaftet, Schleiermacher und Reimer polizeilich gequält u. s. w. Genug, in kurzer Zeit, besonders nach Hardenberg's Tod, hatten die Gegner wieder vollkommen gesiegt! – Auch jetzt erfahren wir eine frische und kräftige Bewegung, zwar sehr gemischter und zum Theil bedenklicher Art – wenigstens zweideutiger – , aber schon als Bewegung doch sehr willkommen und versprechend. Auch jetzt regen sich die Gegner, die Dunkel- und Stillstandsmänner, und grade sie haben noch überdies die wichtigsten Posten im Besitz. Werden sie nicht bald auch dieser jetzigen Bewegung wieder Herr werden, den König müde machen, und den Aufschwung dämpfen? Sie werden es unfehlbar, und ich verheiße ihnen den Sieg, binnen wenig Jahren, sie werden den freien Sinn und Geist des Königs auf einige Litteratur- und Kunstliebhaberei zu beschränken suchen, und den Staat in ihre Fesseln schlagen, – wenn nicht Oeffentlichkeit uns zu Hülfe kommt; diese allein kann uns retten und den Sieg erhalten. Wie wichtig wäre es daher, daß der König seine beabsichtigte Erweiterung der Preßfreiheit nicht aufgäbe; wie richtig strebt der Minister von Rochow und alles in seinem Sinne mitwirkende Beamtenthum dem Könige diese Absicht zu vereiteln! Und dieser erste Sieg scheint schon von ihm errungen zu sein!

Gegen Mittag kam [der Oberst von Willisen]. Auch er wünscht dem Könige mehr Entschlossenheit, mehr Zusammenhang und Folge im Handeln. Auch er sieht den König zu wenig von Freunden, von treuen und gescheidten Gehülfen, und zu sehr von Ehrgeizigen, von unbrauchbaren Dienern umgeben. Wir kommen darin überein, daß, wer es mit dem Könige [S. 301] gut meint, hauptsächlich dahin streben muß, ihm seine Aufgabe zu erleichtern, ihn wesentlich zu unterstützen. Bis jetzt weiß ich als solche Männer in der Nähe des Königs nur Humboldt und den jüngern Willisen zu nennen.

Bewegung in England, weil die Minister die Korngesetze verändern wollen.

[...]

[S. 304]

Donnerstag, den 27. Mai 1841.

Kritikgesellschaft, wo Marheineke, Henning, Schulze, Schultz, Bopp, Benary, Link, Boumann. Es kamen unangenehme Dinge vor, wir können nicht hoffen, die "Jahrbücher" zu beleben, so lange die versprochene Freistellung in Betreff der Zensur ausbleibt, und wir sie dem Publikum also nicht ankündigen können, das uns als Geknebelte ansieht, und sich von uns abwendet, um Freiere anzuhören. – Der Minister Eichhorn hat den Professoren auf ihre Eingabe gegen die Wiedereinsetzung eines besondern Regierungsbevollmächtigten sehr schnöde geantwortet, sich des Bundestages als elender Ausflucht bedient, und ihnen gesagt, sie gäben den Studenten ein schlechtes Beispiel! Lebte nur Gans noch, der würde eine Replik aufsetzen! Der Mißmuth der Universitäten gegen Eichhorn ist sehr groß, er entfernt alle Kräfte von sich, auf die er sich doch einst wird stützen wollen. A. W. von Schlegel ist hier, und bezeigt sich munter, Eichhorn sieht in ihm einen vom Könige Begünstigten, und nimmt ihn sehr hoch. Der Name Gundling wird aber jetzt fast immer als Nachklang des Namens Schlegel gehört, und ich bin überzeugt, er ist zu seinem litterarischen Unheil hierhergekommen, wenn auch am Hofe die Ehren für ihn nicht fehlen werden.

Sonderbarer Mißgriff, daß "durch ein Versehen der Geheimen Registratur" in die "Staatszeitung" vom 26. Mai eine falsche Einleitung zum Königlichen Eröffnungsdekrete des Rheinischen Provinzial-Landtages gesandt worden. Die "Staatszeitung" vom 27. giebt dieses Versehen an, und liefert die rechte Einleitung, worin die Anpreisung der Erbmonarchie besonders auffällt.

Doktor Nauwerck brachte mir seine Schrift "Urkundliches [S. 305] zur Geschichte und Verfassung der Provinz Preußen." (Berlin, Eichler, 1841.)

[...]

[S. 307]

Donnerstag, den 3. Juni 1841.

Kritikgesellschaft. Henning, Boumann, Marheineke, Zumpt, Gabler. Ich halte meinen Vortrag, der die Einstellung der "Jahrbücher" anräth, die sofortige Einstellung. Alle sind mit dem Vortrage sehr zufrieden, und wollen, daß er zu den Akten genommen werde, aber mit der Schlußfolge, daß die "Jahrbücher" aufzugeben seien, jetzt, unverzüglich, ist man nicht einverstanden, und ich selber muß der Meinung beitreten, sie seien wenigstens bis zum Ende des Jahres fortzusetzen.

Als ich ausgehen wollte, kam Herr Meyerbeer. Von Spontini sprach er edel und großmüthig; in dem angeschuldigten Artikel will er nichts Beleidigendes finden, und meint, König Ludwig Philipp würde allzu glücklich sein, wenn man seiner nicht unglimpfer gedächte!

Bettinen von Arnim überbracht' ich die Lieder, welche die Gräfin von [Stolberg] für sie zurückgelassen hatte. – Im "Hamburgischen Korrespondenten" Nr. 124 steht ein heftiger Artikel gegen Bettina's Brief über Spontini; sie wird sehr geschmäht; sie glaubt, es sei von Rellstab. – Mißvergnügen über die Handlungsweise des Königs, was er mit all den alten Kerlen wolle? warum er die Bürger von Breslau so verletze? warum den Bürgermeister von Brandenburg so schnöd' behandle? (Letzterer hatte bei der Huldigung einen Wortwechsel mit dem Minister von Rochow, und dieser scheint seine Rache dem Könige übertragen zu haben.) Ob es noch gelingen wird, ein mildes, großmüthiges, hochfühlendes Herz in ein ärgerliches, mißmuthiges, herbes zu verwandeln? Die Aristokratie arbeitet daran, und würde des Erfolges froh sein.

[...]

[S. 310]

Sonnabend, 12. Juni 1841.

Ein Gebieter ist der Mensch geboren, aber von hemmenden Stoffen umlagert, in denen er arbeitet, mit denen er ringt. Genie ist nichts weiter, als die Hindernisse zurückwerfen, überwinden. – Auch jede Art des Daseins ist nur eine gehinderte, sonst wäre sie gleich eine höhere, denn jede will hinauf. So ist der Tod nur das Wegfallen eines Hindernisses, die Bedingungen höheren Lebens. Doch ist es natürlich, das Leben zu lieben, und den Tod zu scheuen, man klammert sich fest an die Sprosse der Leiter, die einen trägt, wenn man auch noch so sehr höher strebt. Sich zu gefallen in seiner Beschränkung ist aber der Anfang der Selbstsucht, der Gemeinheit, das ist der wahre Tod, wo sich das Fortschreitende in den Stillstand einbequemen will, und dadurch wirklich aufhört, sich vernichtet. – Diese Betrachtungen spielten heute Vormittag lange vor meiner Anschauung, bald in allgemeine Weite sich ausdehnend, bald auf einzelne Beispiele sich zusammenziehend.

 

13. Juni 1841.

Der schwedische Major Hazelius besuchte mich, und wir hatten eine lange Verhandlung über deutsches Volksthum, deutschen Vaterlandseifer, im Gegensatze der französischen Nationalität. Ich konnte mich nicht enthalten, heftig gegen den Dünkel und die Unwahrheit unsrer deutschen Aufpreisungen loszuziehen, in denen wir bloß den Franzosen schlecht nachahmen, und diese verspotten zu dürfen meinen grade in denjenigen Dingen, die sie wirklich besser haben als wir. An Dünkel und Gleißnerei und hohlem gemachtem Wesen [S. 311] stehen wir leider keiner Nation nach! Unser deutscher Sinn und Eifer hat in ganz andern Richtungen sich zu zeigen, als daß wir das Wort Deutsch im Maule führen und von unserm Rhein elende Lieder singen. Wie lange ist es her, so sperrte man die Leute ein, die von deutscher Einheit sprachen! Und "Sie sollen ihn nicht haben" singen die Völker, aber unsre Regierungen lassen fünfundzwanzig Jahre die Festung ungebaut, die ihn schützen soll, und für die das Geld noch vom Siege her daliegt! – Ich gerieth in zu großen Eifer gegen die Mauldeutschen, aber mir war grade gegenwärtig, wie sich das Gezücht gegen Goethe versündigt hat.

[...]

[S. 317]

Kissingen, Freitag, den 23. Juli 1841.

Ich hatte Lady Morgan um ihre Handschrift gebeten, zunächst für Fräulein von H[auer], die mich um diese Beute hatte ersuchen lassen; als ich aber gegen Mittag hinkam, hatte Lady Morgan mir etwas ganz Persönliches für mich aufgeschrieben, das Lob meines Stils und des Anzugs der Königin, humoristisch und schmeichelhaft, ich mußte das Blatt behalten*), und bat mir eine Zeile Englisch aus, um doch meiner Bestellerin auch etwas geben zu können.**)

[zwei Fußnoten am Ende der Seite:]

*) Lady Moran hatte geschrieben: Autographe griffonage aux ordres de M. Varnhagen von Ense. Quand on s'addresse à un grand écrivain, il faut bien choisir un sujet digne de son attention et la toilette de Kissingen se présente comme un àpropos heureux, – car la toilette a sa philosophie et son style comme la littérature, et en exprimant l'admiration due au costume élégant de la Reine de Wurtemberg, ou au beau langage de M. Varnhagen, on se servirait presque des mêmes propos, car les termes "simple", "riche", "pur" et "de bon goût" s'appliquent également aux perfections de l'une et de l'autre; – à tous les deux la variété ne manque pas à donner le dernier charme, – car la monotonie est avant tout à être éviter dans la parure comme dans les écrits, et c'est la plus haute philosophie de l'esprit et de la toilette d'écarter cette uniformité qui paralyse l'admiration du vulgaire, et ne fournit rien aux observations des gens comme il faut, – il faut donc que les grands auteurs et les grandes dames flattent l'inconstance humaine en variant leur style de composition, et de robe, – conservant toujours ce cachet du bon goût, qui sert de modèle, et qui est si remarquable dans la belle toilette de Sa Majesté et les heureux pages d'un des meilleurs écrivains de la Prusse. Sydney Morgan. Kissingen, Juillet 23. – 1841.

**) Lady Morgan schrieb hierauf:

           Some men to business, some to pleasure take,

           But every woman is at heart a rake.

The calumny of an ugly little man, and a great poet, whom the women could not love.              Sidney Morgan.

[S. 318]

Ernste Gespräche mit Sir Charles Morgan über den Zustand Englands. Heftige Anklagen der Aristokratie, besonders aber der Hochkirche, welche der tiefe, fressende Schaden des ganzen Gemeinwesens sei. Einwanderung armer Irländer, Auswanderung bemittelter Engländer. Herrschaft der Vorurtheile, Abwesenheit der frommen, menschlichen Gefühle, alles auf Gewinn und Ansehn berechnet, in der höheren Klasse die schlechtesten, unwürdigsten Heirathen aus Geld- oder Titelsucht. Barmherzigkeit gegen die Armen, denen die Vornehmen reichlich geben, weil auch darin Ueberlegenheit sich zeigt, nur die nöthigste Gabe versagt man ihnen hartnäckig: Gerechtigkeit! Zustand von Irland. Was aus dem Parlamente werden soll? Ein Theil des englischen Volkes ist so verblendet, oder so durch augenblicklichen Vortheil bestochen, daß es gegen sein eignes Wohl stimmt. Lady Morgan ist protestantisch. Sie erzählt mir von Lord Morpeth und Lord Melbourne, die zarte Weise, wie man sie mit einer Pension von dreihundert Pfund überrascht habe; die reine, edle Gesinnung des Lords Morpeth etc. Ich erzähle ihr alles Gute vom Könige von Preußen. Sie zeigt großen Verstand, schnelle Fassungskraft, leichte Behandlung der Dinge; es spricht sich mit ihr ganz angenehm.

Abends bei Tettenborn: Graf von Tiesenhausen, Brüder Buseck, Graf von Mülinen, Frau von Blomberg und Graf von Zeil, Graf von Maltzan, der Lanner'sche Walzer auf dem Fortepiano spielt. Maltzan fragt mich so angelegentlich und genau, wann ich in Berlin zurück sein würde, daß es mir auffiel, und ich eine Absicht dabei voraussetzen muß. Er sprach auch über die katholischen Angelegenheiten, und meinte, sie seien unsrerseits recht ungeschickt geführt worden, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Be- [S. 319] trachtungen über Maltzan's Art und Wesen; Wirkung des Aufenthalts in Wien, der Nähe Metternich's, der eignen Stellung. ("Kleid eine Säule, Sie sieht wie 'ne Fräule", heißt ein Spruch von Goethe.)

 

Kissingen, Sonnabend, den 24. Juli 1841.

Schwermüthig hatte mich schon den ganzen Tag die aufringliche Betrachtung des nichtigen Weltwesens gemacht. Ich schrieb mir ein Bildniß davon mit Bleistift auf, das also lautet: "Hohle Repräsentation aufgeblähter Gemeinheit, nichtsnutzigen, gedankenlosen Dünkels, in schon leblosen, nur noch scheinlebendigen Formen, mit schwächlichen Kräften, fremden Mustern urtheillos nachstrebend, ohne deren Unterlagen und Triebfedern. Keine edle Regung merkbar, kein heller Gedanke, kein selbstthätiger Geist, nur der der Nachahmung, des Rollenfaches, kein reinmenschlicher Anklang, kein frisches Gefühl, kein Interesse sogar, als das für Erbärmlichkeiten, für gemeinen Schimmer und plumpen Vortheil, dabei Bettelstolz auf elende Dienstbarkeit. Der Anblick wäre das höchst Komische, wenn die Sache nicht so hoch tragisch wäre. Diese hundsföttischen Narren, diese närrischen Hundsfötter, nur in Shakespeare's Dramen sollten sie zu finden sein, da belustigen sie! In der wirklichen Welt müssen sie Abscheu und Haß erregen."

[...]

[S. 323]

Hanau, Freitag, den 30. Juli 1841.

Frühmorgens nach sechs Uhr abgereist. Ueber Hammelburg, Gmünden – wo die Schulkinder streiten, ob mein Bello ein Hund oder eine Katze sei? Die meisten rufen, es sei eine Katze! – Lohr, Hessenthal, Aschaffenburg und Dettingen nach Hanau.

[...]

[S. 332]

Freitag, den 10. September 1841.

Politisches überdacht; von keiner Seite ein erfrischender Hauch, und überall, wo Gutes hervorblickt, ist es aus [S. 333] großen Massen von Schlechtem. Bei uns herrscht in allem der Schein, das Wort, anstatt der Sache, mächtiges Vorurtheil, geheiligter Wahn, Verehrung von Namen. Unser Kunstwesen ist gar ein Gräuel! Es mögen einst gute Ergebnisse davon kommen, aber die Fluth, aus der sie einst zurückbleiben, wenn diese abgelaufen ist, hat nur Widriges. Eine laue Ziererei, die jeder Alfanz sich zulegt, wie andre Modesachen!

Für unsre Zustände ist das größte Glück, daß sie keine ernstliche Prüfung zu bestehen haben, daß kein Napoleon, keine frische Revolution – denn die von 1830 ist schon faul – ihnen gegenübersteht. Welche Saat für einen Schnitter! Und hinwieder, was könnten wir für Schnitter sein, wenn wir wollten, dürften! Die Mittel fehlen nicht, der Geist fehlt nicht!

 

Dienstag, den 14. September 1841.

Heine hat sich in Paris mit Herrn Strauß auf Pistolen geschlagen, und ist an der Hüfte verwundet worden. "Seltsame Leute, geborne Juden, die es gar nicht nöthig haben, borgen sich ein Vorurtheil von den Gojim, und brechen einander die Hälse!"

Die Tories im englischen Ministerium machen mir doch einen schlechten Eindruck; meine tiefste Gesinnung ist auf der Gegenseite, das fühl' ich lebhaft! Die Herrschaft der Aristokratie in England ist fürchterlich, kalt, insolent, grausam! So die Untern verachten, wie ein vornehmer Engländer thut, weiß in andern Nationen doch niemand nachzuahmen. Ich fürchte, die Tories werden an allen Höfen schlecht wirken. Bei uns ist die Trennung zwischen Hof [S. 334] und Bürgerstand jetzt so groß, wie sie noch nie war, die Absonderung ist vollkommen ausgeführt, die frühere Mischung der Gesellschaft nur noch als Ausnahme da, jedoch kann es noch viel schlimmer werden.

[...]

[S. 335]

Freitag, den 17. September 1841.

Herr Dr. B[oumann] kam, und wir besprachen umständlich die Lage der Schelling'schen Sachen hier, das Verhältniß der Hegel'schen Schule. Ich rathe zum ruhigen Abwarten, zur festen würdigen Haltung; man könne nicht wissen, ob er nöthig als Feind anzusehen sein werde, vielleicht verfeindet er sich mit den Frömmlern und Unphilosophen.

Herr Minister Eichhorn hat in Betreff unsrer Jahr- [S. 336] bücher-Zensur eine halbe Maßregel getroffen, eine schwächliche, schiefe, dummschlaue. Der gewöhnliche Zensor ist abwesend, für dessen Abwesenheit – die nun immer dauern oder auch alsbald wieder aufhören kann – ist der Geheimrath Johannes Schulze aus unsrer Mitte zum stellvertretenden Zensor ernannt. Die Sozietät hatte zunächst mich vorgeschlagen, mein Name scheint aber die Behörden erschreckt zu haben, daß man in der ersten Bestürzung Herrn Geheimrath von Stein zu Herrn von Henning mit dem Bekenntnisse schickte, die ganze Sache müsse mißverstanden sein, der Minister habe nicht gemeint, uns selber die Zensur zu überlassen. Da ich nun verreist war, glaubte man schon eher darauf eingehen zu können, und fiel auf den Geheimrath Schulze. Man thut mir insofern Unrecht, als ich, einmal Zensor, gewiß ein genauer und sorgfältiger wäre. Viel besser, daß ich es nicht bin!

[...]

[S. 342]

Sonnabend, den 2. Oktober 1841.

Wunderbar, in wie kurzer Zeit der Minister Eichhorn alle Menschen gegen sich zu stimmen gewußt hat! Außer Ranke lobt ihn niemand. Seine Räthe sind erbittert gegen ihn, die Mehrzahl der andern Minister sehen ihn als einen Eindringling an, die hiesigen Gelehrten sind meistens unzufrieden mit ihm, selbst alte Freunde, wie Savigny, Steffens, die ihn der Verstellung und Falschheit beschuldigen; auch sagen schon einige Fromme, er meine es doch nicht aufrichtig mit ihrer Sache. Man behauptet, sogar der König habe schon Augenblicke der Reue gehabt, ihn zum Minister gemacht zu haben, er hätte viel lieber Bunsen.

Der Zensor John ist wieder als Zensor unsrer "Jahrbücher" eingetreten, und des Geheimenrathes Schulze Stellvertretung hört auf. Also wieder der alte Quark! Es ist eine Jämmerlichkeit. Ich stimme noch immer dafür, der Behörde diesen Quark an den Hals zu werfen, und die "Jahrbücher" aufhören zu lassen.

Der Minister von Rochow ist wieder hier, aber auch der Minister von Schön ist angekommen; man erwartet starke Reibungen zwischen den beiden Widersachern.

Jubiläum in Würtemberg wegen der fünfundzwanzigjährigen Regierung des Königs. Würtemberg hat allerlei große Fortschritte gemacht, und das Land ist in blühendem Zustande.

Die Tories in England wollen fürerst nicht thun, und das wenige, was sie doch thun müssen, ist ganz so, als wenn noch ihre Gegner am Ruder wären! Es genügt nicht, die Mehrheit der Stimmen in beiden Häusern zu haben, man muß auch die Sachen für sich haben! Daß die Korngesetze abgeändert werden müssen, scheint ausgemacht.

[S. 343]

In Frankreich macht die Regierung dumme Streiche! Sie will die Presse bedrängen, die Geschwornengerichte antasten. Sie möge sich in Acht nehmen! Herr Guizot hat mir schon immer nicht gefallen, er macht ein Handwerk aus der strengen Ehrbarkeit und Biederkeit, er wäre lieber Minister Heinrich's des Fünften, als Louis Philippe's.

Die Memoiren der Lafarge sind gering und von schlechtem Eindruck; man hat sie hier verboten; Dummheit!

 

Sonntag, den 3. Oktober 1841.

Jemehr ich in den Gentz'schen Papieren lese, destomehr bewundre ich den Fleiß und die Arbeitsfrische des Mannes, dessen Thätigkeit wirklich staunenswerth erscheint, aber destomehr auch beklag' ich ihn selbst, der bei allen Genüssen und Befriedigungen doch eigentlich ein trauriges Leben führte. Er selbst wollte sich hierüber täuschen, aber im Hintergrunde gestand er es wohl ein. Er hatte sich den Höchsten und Vornehmsten durch Geistesüberlegenheit und Geistesthätigkeit zum Gleichen heraufgearbeitet, und lebte mit ihnen als solcher; aber er fühlte wohl, daß er diese Stellung nur durch täglich erneuerte Arbeiten und Dienste behaupten konnte, und daß man ihn doch nur gelten ließ als ein nothwendiges Uebel. Eigentliche Achtung genoß er nicht, nur die größte Berücksichtigung und Schonung; daß er darauf gestellt war, von den Mächten und Höfen immer große Geschenke zu empfangen, setzte ihn auch sehr herab in der Meinnung. Und welcher Art waren oft seine Arbeiten! Mir hätte das Herz dabei geblutet, ich hätte sie dem Fürsten von Metternich vor die Füße geworfen und gesagt, der Teufel möge sie machen! Ueberall wo es [S. 343] eine Unterdrückung frischer Volksregungen galt, überall wo Altes, Verdorbenes mit Gewalt zu erhalten war, trieb ihn sein Amt voran, und auch sein Eifer, denn er war wirklich darin aufrichtig, und glaubte die gute Sache zu vertreten. Der arme, arme Gentz! Und was hat er mitunter für Gesellschaft sich gefallen lassen! Allen Schund von alten Diplomaten aller Nationen, bornirte Staatsleute, abgetragene Weiber, vertrackte Militairpersonen, schmutzige Banquiers! Gegen Einen Wallmoden zehn Wenzel Liechtensteine, Krusemarke, Hatzfeldte, Schönburge und Schönfelde etc., gegen Eine Lore Fuchs zehn Gräfinnen Fekete, Molly Zichy etc. Und die Rothschild's alle, Herz, Joelsohn etc. Ich bedaure ihn auf jedem Blatte seiner Tagebücher. Keinen einzigen Tag hab' ich noch gefunden, wo ich ganz mit ihm hätte tauschen mögen! – Brinckmann schrieb neulich in Bezug auf Rahel sehr gut von ihm: "Er sei nur ergriffen von ihr, aber sie zu begreifen hat er nie vermocht." Wenn ich das jetzt alles mit Rahel durchgehen, prüfen, besprechen könnte!

[...]

[S. 346]

Sonntag, den 10. Oktober 1841.

Frau von Arnim las mir einen Brief des Kronprinzen von Würtemberg, erzählte mir mit lebhafter Freude von Bruno Bauer, und viel Lustiges und Beißendes.

Eine Anzahl Studenten betrieb es, Herrn von Schelling ein Ständchen zu bringen; Bettina rieth davon ab; die Sache wäre aber doch geschehen, wenn nicht Schelling selber es verhindert hätte, indem er einen an ihn deßhalb [S. 347] abgeordneten Studenten schlecht aufnahm, und erklärte, er würde nicht zu Hause sein. Seine Freunde sagen höhnisch, nachdem Welcker so geehrt worden, müsse sich Schelling verbitten, daß man ihm das Gleiche anthue!

Der vorige König hatte der Ordenskommission die Anfertigung einer Matrikel der preußischen Orden anbefohlen, und der jetzige König dies gleich nach seiner Thronbesteigung bestätigt, mit Hinzufügung einiger besondern Weisungen, zum Beispiel daß die polnischen Namen am Ende mit i, die russischen mit y geschrieben werden, der hohe Adel vor dem niedern hervorgehoben und auch mit den Taufnamen genannt werden sollte. Die Ordenskommission erklärte demüthigst, sie vermöge beides nicht, sie wisse nicht, welche Namen polnisch, welche russisch seien, sie wisse noch weniger, wo die Scheidelinie zwischen hohem und niederm Adel zu ziehen sei, ob zum Beispiel die Stolbergs zu jenem zu rechnen seien oder nicht. Die Sache kam an das Archiv; gleiche Erklärung der Inkompetenz. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten mußte den Geheimenrath Eichhorn beauftragen, ein Gutachten über die Frage, wer zum hohen Adel zu rechnen sei, auszuarbeiten. Bei Eichhorn lag die Sache fast ein Jahr, dann entschuldigte er sich mit Krankheit, reiste ab, und ließ die Frage unerledigt. Also seit einem Jahre kein Schritt in der Sache vorwärts! So wenig leicht ist es zu regieren, auch bei ausgesprochenem Willen, dem keine Reichsstände entgegenstehen, wohl aber die Natur der Dinge! Gleich im Beginn müßte dem König ein treuer Rathgeber offen erklären, daß dergleichen Dinge müßten unterlassen bleiben, weil dabei nichts herauskommen könne! – Adel und Kirche, damit fange jetzt einer was ab! Das heißt sich muthwillig in die nutzloseste Verwirrung stürzen!

[S. 348]

Großes Verlangen nach Herrn von Humboldt's Wiederkehr, – von mir, von Frau von Arnim, von Böckh, von Preuß, von Jakob Grimm.

[...]

[S. 353]

Freitag, den 22. Oktober 1841.

Ich hörte heute zuerst, daß man sage, der Graf von Maltzan beabsichtige meine Wiederanstellung und rechne stark auf meine Thätigkeit; auch General von Rühle hat es gesagt, und es schien, als habe er es von dem Minister selbst. Mir ist keinerlei Mittheilung dieser Art, weder amtliche noch vertrauliche, zugekommen, und es wäre doch sonderbar, daß man auf mich rechnen und über mich verfügen wollte, ohne mich vorher zu befragen! – Mich hat die Sache auf den ganzen Tag verstimmt. Sie hat mich zu einer unwillkommenen Prüfung meiner Kräfte und Aussichten aufgerufen. Es kann nur verdrießliche Quälerei dabei herauskommen, im Annehmen und im Ablehnen. Ich bin zu krank, um regelmäßig in Geschäften zu arbeiten, aber man will das nicht glauben. Doch hab' ich es oft und laut genug gesagt, insbesondre zu Tettenborn, und Maltzan könnt' es wohl wissen. Vielleicht unterbleibt aber auch der ganze Antrag, vielleicht findet er auch anderweit zu viel Widerspruch.

 

Sonnabend, den 23. Oktober 1841.

Bei heller Sonne, und reiner, doch ziemlich kalter Luft spaziren gegangen. Bei der Heimkehr begegnete mir General [S. 354] von Canitz; er ist in Verzweiflung, noch hier zu sein, hofft aber nun am nächsten Mittwoch nach Wien abzureisen. Er kennt das Buch von Hormayr, sagt er, er habe es entstehen sehen, das Meiste schon handschriftlich gelesen, nennt aber die Herausgabe eine Infamie; warum grade das? Ich lobte die Meisterschaft manchen Bildes, die Schärfe und das Treffende manches Ausdrucks, die Briefe von Gneisenau etc. Aber Canitz dachte an den Verdruß Metternich's, zu dem er eben hingeht, und da wäre es ihm ganz Recht, die Geschichtsüberlieferung zu hemmen. Wäre das Buch gegen den Staatskanzler Hardenberg, so würde Canitz nichts dagegen haben, denn noch im Grabe haßte er den! Ich versagte mir nicht, seinen Aerger noch mehr zu reizen, indem ich ihm erzählte, daß Metternich gegen Schulenburg die Zuversicht geäußert, auch nach dem Tode werde sein Name in höchsten Ehren bleiben, und daß er sehr böse geworden, als Schulenburg gemeint, der Nimbus werde dann unfehlbar schwinden; nun aber erfahre jener das noch bei Lebzeiten! Canitz möchte die Geschichte tödten, und nur die bestehen lassen, die er und seinesgleichen macht. Dafür ist aber gesorgt! Die Wahrheit lebt, sie soll hoch leben, und ich will auch in ihrem Dienste nicht lässig sein! Solche Bücher wie das Hormayr'sche sind ein Segen, reinigendes Gewitter, das sag' ich mit allem Fug, wenn ich auch nicht grade Gefallen an dem Buche finde, so fern es ein litterarisches Erzeugniß ist. Ich lasse vieles gelten, was mir nicht gefällt.

Ich kann heute nicht schreiben. Mir ist bange vor den Anträgen Maltzan's; sie stimmen in keinem Falle mit meiner Neigung überein. Ich fühle mich noch nicht frei genug, und sollte einwilligen, es gar nicht zu sein! Dazu gehörten starke Beweggründe. Und wenn ich diese etwa haben [S. 356] könnte, würde ich damit Gesundheit und Kräfte erlangen? – Rahel würde mir abrathen? Wer weiß! Sie liebte Thätigkeit und Anstrengung; sie räumte auch der Selbstverläugnung gewisse Rechte ein; doch die letztere üb' ich ja ohnehin jeden Tag, wie jeder hier, der so denkt wie ich!

[...]

 

Dienstag, den 26. Oktober 1841.

Neue Bücher von Dümmler kamen mir eben recht. Barthold's "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" von Gustav Adolf's Tode ab, mit Gesichtspunkten von der Einheit Deutschlands her, und gegen den "protestantischen Stolz". Das Buch dankt sein Erscheinen ohne Zweifel den kriegerischen Aussichten des vorigen Herbstes. Es ist verfehltes Beginnen, kurzathmigen Krisen mit langathmigen Werken beizuspringen! Der Verfasser hat gewiß auf Dank gerechnet, der ihm nun kaum noch werden wird. – Ferner: Gervinus' "Deutsche Nationalliteratur", fünfter Band. Damit erfüllte ich den übrigen Abend bis in die Nacht hinein. Das Werk ist ein gewaltiges, aber leider nicht auf der rechten Höhe. Er verkennt Goethe'n, er hat nur beschränkte Fassungskraft für ihn, und hält falsche Vorstellungen und Maßstäbe hartnäckig fest. An der Art, wie er Schiller'n hebt und Goethe'n zu senken bemüht ist, erkennt man recht den Unterschied beider Männer; keines von beiden gelingt! Ich sehe auf's neue, wie sehr Goethe seinem Freunde überlegen ist, ja mir wird es nun erst recht lieb, gegen Gervinus schon im voraus Riemer'n auf dem Kampfplatze zu sehen. Ohne Goethe's "Dichtung und Wahrheit", ohne seine kritischen und aufschließenden Bemer- [S. 357] kungen, hätte Gervinus gar nicht sein Buch unternehmen können, ich sehe auf allen Seiten Goethisches hinein verarbeitet. – Wie doch der lebendige Mensch unter den willkürlichen Kategorieen einer solchen Kritik völlig schwindet! Hier wird nichts erklärt, immer nur zersetzt, und nicht nur die Gestalt zerstört, sondern auch ein falscher Gehalt an's Licht gebracht, weil der Tiegel, in welchem die Schmelzung vorgeht, schon nicht rein war, oder selber Theile in die Schmelzung absetzt. Und so geht das nun in die Jahrhunderte weiter, es möchte einem fast bange werden! Zum Glück bleiben die ursprünglichen Zeugnisse, und es werden auch wieder Menschen geboren, die mit frischem Auge, durch Dunst und Nebel hindurch, das Wahre und Aechte erblicken, die Gabe der Anschauung über jede Verzerrung herrschen lassen!

Wenn ich die Zeit, welche ich selber durchlebt habe, so verarbeitet sehe, wie von Hormayr und Gervinus, so komm' ich mir selber fast wie verstorben vor, und ich fühle, daß ich auf diesem Markte der heutigen Durchsprechung wenig mehr zu sagen habe; ich werde schon mitverkauft als Waare! – Doch nein! ich lebe noch, und denke noch manches Zeichen davon zu geben!

[...]

[S. 360]

Freitag, den 29. Oktober 1841.

Bis zwei Uhr in der Nacht hinein las ich gestern noch in Gervinus' fünftem Bande, und quälte mich mit ihm [S. 361] ab. Ein staunenswerthes, aber auch ein trostloses Buch. Er führt "alle Völker in's Gefecht", und findet dann freilich, daß ein großes Abschlachten nöthig wird, aber auch die Besten finden hier Tod und Wunden. Wie er Goethe'n zu bezwingen sucht, ist merkwürdig anzusehen; er bekämpft ihn mit den eignen Waffen, die jener ihm gleichgültig oder großmüthig überläßt. Aus den kleinsten Geständnissen, Bemerkungen und Launen des Menschen wie des Dichters zieht er die größten Folgerungen, macht das Unbedeutende zur Wichtigkeit. Bekennt Goethe eine Stimmungslosigkeit, so ruft Gervinus, er gestehe ja selbst, daß es mit dem Dichten aus sei. Dagegen findet er das Wichtigste und Schönste unbedeutend und gering, die Novelle von Löwen und Tigern, die Erzählungen in den "Wanderjahren", die "Jahr- und Tageshefte", in denen er sich an geringen Notizen und einzelnen Ausdrücken hält, das Tiefe, Aufschließende, Bezeichnende aber nicht achtet, das Bild der Lebensfülle und Thätigkeit nicht erkennt. Die einzelnen Aeußerungen Goethe's reißt er aus allem Zusammenhang, den ganzen Goethe aber drückt er gewaltsam in einen Zusammenhang hinab, aus dem sich befreit und erhoben zu haben ohne ihn abzureißen sein größtes Verdienst ist. Es ist überhaupt der Fehler des Buches, alles nur in Verhältnissen und Gegensätzen zu sehen, und den äußerlichen, künstlichen, oft rein willkürlichen Zusammenhang festzuhalten, den wahren, innern aber nicht zu sehen. Daher verlieren hier alle Gestalten, das Individuelle wird gedrückt, das Talent mißkannt, die Litteratur, die Poesie, sind ein Gemisch von Irrthümern, Versuchen, Fehlgriffen, Unzulänglichkeiten. Die eingestreuten Bewunderungen und Anerkennungen, die oft beinahe begeisterten Lobsprüche, welche reichlich eingestreut sind, helfen nichts, sie bleiben doch nur [S. 362] verloren in dem Verneinenden, Absprechenden. Das Hauptergebniß des Autors bleibt: "Mit der Litteratur ist es aus, und es war nie viel damit." Daher auch der niederziehende Hang, der öde, trostlose Eindruck, den das Lesen dieses Buches giebt, die Mißstimmung, die es zurückläßt. Auch spielt die Gereiztheit der politischen Stimmung des Verfassers überall ein, die Göttinger Sache; wir sollen die Poesie aufgeben, unsere Thätigkeit auf Volk und Staat richten. Ferner seh' ich den Heidelberger Schlosser oft durchblicken, den mit den Ereignissen stets zankenden Historiker, daher die Erhebung von Voß, die Verachtung Woltmann's und vieles Andre. Die Darstellung der Verdienste und des Karakters von Voß that mir wohl, ich billige sie ganz; aber warum nicht dann denselben Maßstab an Goethe anlegen, denn wenn die "Luise" und die "Idyllen" so viel werth sind, wie sind es dann erst "Hermann und Dorothea" u. s. w. Aber ich sag' es nun ohne Scheu, Gervinus weiß sehr viel, versteht aber wenig, hat Goethe'n ganz und gar nicht verstanden, kann ihn nicht verstehen, trotz alles Aufwandes von Werkzeugen und Mühen, mit denen er an ihn herantritt. Auch Schiller'n wird er nicht gerecht, so gewaltig er ihn preist und hebt.

Seit Niebuhr's drei Bänden Briefe hat kein Buch mich beim Lesen so ermüdet, verdüstert. Ein trauriges Lesen, wiewohl spannend und aufreizend! Es wird schon ein Kritiker kommen, der das alles gründlich darlegt, ein Kritiker, der Goethe'n wieder versteht und verkündigt. Einstweilen ist es gut, daß Riemer einiges Gegengift wider dieses Gift dem Publikum eingegeben!

Bin ich ungerecht gegen Gervinus? Ich glaube nicht. Er hat ganze Strecken urbar gemacht, Einzelnes richtig gesehen, [S. 363] vortrefflich bezeichnet, muithig, scheulos, aber das Ganze – ist ein Mißgriff!

[...]

[S. 365]

Montag, den 1. November 1841.

Die Urtheile von Gervinus über Jean Paul Friedrich Richter sind wohl zum Theil gegründet, aber doch unbillig hart ausgesprochen. Gervinus sieht zu sehr auf die Richtungen und Stoffe, viel zu wenig auf die innere Stärke des Talents, auf die Schnellkraft der menschlichen Erscheinung. Durch Herz, Geist und Witz gehört Richter unter unsre Besten. Daß er nicht Goethe war, noch Schiller, wissen wir; aber er steht seinen Mann. Warum ist Gervinus bei ihm nicht so billig wie bei Voß? In seiner Schilderung laufen sogar einige Gemeinheiten mit, die er beim Lesen der Reinschrift oder der Probebogen hätte ändern sollen. Und immer die falschen politischen Ansprüche! neben willkürlichem Maßstabe des Sittlichen! – Wenn ich damit das Stück deutscher Litteraturgeschichte in Goethe's "Dichtung und Wahrheit" vergleiche! Und wie sehr Gervinus von [S. 366] dieser Behandlungsart abweicht, so stützt er sich doch augenscheinlich auf sie, und auf alles Goethische. Mit dem Ausdrucke pathologisch z. B., welchen auf ästhetische Gegenstände Goethe zuerst angewendet hat, arbeitet er immerfort in seinem Buche. Eine gediegne Kritik des ganzen Werkes thäte recht noth, sie müßte philosophischen Hinterhalt haben, feinen klaren Sinn, ausreichende Kenntniß. Rosenkranz oder Hotho könnten diese Kritik schreiben; aber sie thun es schwerlich. Einstweilen bleibt das Buch schwerfällig stehen, schon durch seinen Umfang wenig genießbar; in meinem ganzen Kreise hier spreche nur ich davon!

[...]

[S. 367]

Dienstag, den 9. November 1841.

In dem neusten Hefte des "Staats-Lexikon" steht von Welcker ein Artikel "Oeffentlichkeit", worin die Regeln und Grundsätze deutscher "Adelsvereine" enthüllt werden; diese Vereine sind in Preußen nicht nur geduldet, sondern entschieden wirksam, und geben den Schlüssel zu vielem, was geschieht.

Die Sache mit dem Bisthum von Jerusalem erregt allgemein Mißfallen und Tadel. Man schreit über die große Geldsumme, die wahrscheinlich ganz nutzlos in die Lüfte verstiebt.

[S. 368]

Der König ist gestern nach München gereist, und hat Schönlein mitgenommen.

[...]

[S. 373]

Sonntag, den 5. Dezember 1841.

Heute war zum erstenmale recht sichtbar, daß die Verordnungen wegen der Sonntagsfeier neu eingeschärft worden. Alle Laden waren fest verschlossen, die Straßen hat- [S. 374] ten ein auffallend verdüstertes Ansehen. Unter dem Gottesdienste darf auch nicht ein Brot geholt werden, der Verkäufer wird gestraft und der Käufer, die Waare weggenommen. Die Leute sind empört. Und wenn es dabei noch bliebe, meinen sie, aber bald wird auch keine Musik, kein Theater, kein Ball mehr am Sonntage sein dürfen, fürchten sie. Am Vorabende des Todtenfeste neulich war die Affenkomödie untersagt, weil die Kinder sich auf das bevorstehende Fest vorbereiten sollten! Wenn der König nur wüßte, was es heißt, in diese Dinge einzugreifen! Heute steht Auskunft in der "Staatszeitung" über die wegen kirchlicher Sachen nach England abgesandten Geistlichen, Prediger Sydow und Kandidat Uhden, – der Prediger von Gerlach ist nicht mitgenannt. Auch diese Sendung erregt Argwohn, und alle beschönigende Darstellung verschlägt nichts.

Hier sind jetzt große Untersuchungen im Gange gegen die geheimen Handwerksverbindungen, die sich in Deutschland weit verzweigt haben, und die man größtentheils aus Frankreich herleiten will. Mehrere Hundert von Gesellen sind in Verhaft, und manche davon schon geständig, in Paris zu den Kommunisten gehört zu haben. Das Meiste dieser Sachen scheint aber ursprünglich deutsch, aus alter Ueberlieferung, und größtentheils tüchtig und löblich. Das Ganze läßt sich schwer unterdrücken, und auch wohl nicht leicht ist es zu hindern, daß hin und wieder sich politischer Stoff in diese Formen steckt. Die Betbrüderschaften läßt man gelten, aber wenn es so fort geht, so wird auch in diese sich Politisches einnisten.

In Berlin wird jetzt allgemein der Witz verbreitet, es spuke in Sanssouci, ja, es sei ganz gewiß, Friedrich der Zweite gehe dort ohne Kopf umher!

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[S. 376]

Donnerstag, den 9. Dezember 1841.

Schelling's erste Vorlesung im Druck erschienen. Es ist Art und Schwung darin, aber auch freche und falsche Anmaßung, marktschreierische Prahlerei, lächerliche Selbstsucht. Ein großer, wahrhafter Erfolg ist hierbei nicht mehr zu erwarten; diese Möglichkeit ist nun schon abgeschnitten; auch die Freunde geben dies zum Theil schon zu, Twesten, Trendelenburg etc.

Kritikgesellschaft: Henning, Boumann, Bopp, Schultz, Benary. Ueber Schelling. Boumann und Benary sprechen von frecher Unverschämtheit, gemeiner Bosheit gegen Hegel, falschen Angaben und Entstellungen. Schelling erhöht die Theilnahme für Hegel und wirkt für die Belebung des philosophischen Interesses überhaupt. Er und seine ganze Erscheinung wider Willen ein Ehrendenkmal für Hegel, der Marmorblock des Xerxes!

Der Polizeipräsident von Puttkammer hat die sieben Welcker-Freunde nochmals zusammen vorgeladen, um sie zu verwarnen, an öffentlichen Orten nicht lose Reden zu führen, regierende Haupter unvorsichtig zu tadeln u. dgl., und hat ihnen die Stellen im "Landrecht" gezeigt, die dies für strafbar erklären. Herr Cornelius, früher Demagog, jetzt im Begriff hier einen Buchhandel anzufangen, erhob sich mit Widerspruch, der Präsident habe ihnen nichts zu sagen, sei nicht ihr Richter u. s. w., und wenn es erst so weit in Preußen komme, daß man nicht mehr seine ehrliche Meinung sagen dürfe, so sei es eine Schande dem Staate anzugehören, und dann gebe er lieber gleich die so eben vom Könige empfangene Bewilligung zur Führung eines Buchhandels zurück und verlasse das Land. Doktor Riedel hingegen erklärte, er würde nicht weggehen, als [S. 377] wenn man ihn mit Gewalt vertriebe, und sein "Athenäum" nicht aufgeben, als wenn man es verböte. Herr von Puttkammer sagte verlegen, dies würde nicht geschehen, denn dazu sei kein Grund vorhanden, aber als Fremder habe er kein Recht auf den hiesigen Aufenthalt, übrigens stünden sie Alle unter polizeilicher Aufsicht; dem widersprach wieder Cornelius heftig, sie wären hiezu nicht verurtheilt, das sei reine Willkür etc. Uebrigens verlangten sie Alle, daß ihre Erklärungen an den König berichtet würden, sie wollten alles Gesagte vertreten. Der Polizeipräsident wußte nicht was er thun sollte, und entließ sie. Das Merkwürdigste ist, daß Doktor Meyen, der bei den Welcker'schen Vorgängen nicht hier war, sich freiwillig mit in die Reihe stellt, und Theil an der Verantwortung haben will.

Spontini's Vertheidigung in zweiter Instanz als Handschrift gedruckt. – Herr von Küstner aus München wird nun wirklich hieher kommen, um die Leitung der Königlichen Schauspiele zu übernehmen.

 

Sonnabend, den 11. Dezember 1841.

Die neuen diplomatischen Ernennungen sind der Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung, jederman macht seine Glossen oder seinen Witz darüber. Daß Bunsen Gesandter in London wird, sieht man als eine Belohnung dafür an, daß er das Bisthum von Jerusalem so rasch zu Stande gebracht. Sonst fällt am meisten auf, daß der unfähige Herr von Werther Geschäftsträger in der Schweiz, und der widerspänstige Graf von Galen Gesandter in Stockholm wird, und daß der aus dem Haag zurückkehrende [S. 378] Graf von Lottum nicht gleich eine neue Anstellung empfängt. Noch erregt viel Geschrei, daß der König den als Major ausgetretenen Grafen von Brühl gleich als Obersten und Flügeladjutanten wiederangestellt und ihn auch dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zugewiesen hat. – Ob Herr von Otterstedt in Karlsruhe durch Herrn von Radowitz abgelöst werden wird, ist noch zweifelhaft; es könnte sein, daß letzterer als Bundesgesandter in Frankfurt bliebe, in welchem Falle Herr von Bülow hier ein Stück Finanzministerium bekäme. – Der Graf von Redern wird Exzellenz, und Grand maître de la Garderobe, oder in dem Geschäftskreise des Ministers von Ladenberg untergebracht. Lauter Ernennungen, an denen das Publikum keine Freude hat, die zum Theil heftig getadelt werden.

Die feindselige Stimmung gegen den König mehrt sich mit jedem Tage. Man kann fragen, was er denn so Arges gethan? Nichts, oder gar wenig, aber wie er dasteht, mißfällt er, man erkennt eine Richtung, mit der man nicht einverstanden ist, man hat kein Zutrauen, man vermißt festes Beharren, außer in dem, was gerade zumeist mißfällt. Junker und Pfaffen, Heuchler und Leerköpfe rücken in die Herrschaft ein, und daneben gährt ein Gelüste von Freisinn, das dem Andern nicht die Wage hält, sondern nur zu größerer Verwirrung sich zugesellt. – Bitteres Witzwort, daß ein Eckensteher sich darauf beruft, was der König alles versprochen und ausdrücklich mit "ich gelobe und schwöre" bekräftigt habe, worauf ein andrer Eckensteher jenen berichtigt: "Das hast du nur wegen dem Regen nicht recht gehört, der König hat gesagt: "Ik jlobe schwerlich, daß ich das alles halten werden!["]"

In Schellings Vorlesungen geben die Studenten schon [S. 379] öfters Zeichen des Mißfallens. Er steht mehr und mehr als ein Sophist da, man nennt ihn den Wundermann, den zweiten Grafen Cagliostro. – Wenn er nicht durchdrungt, wenn er zusammenfällt und beseitigt wird, so wird der König sich furchtbar ärgern, sagt man. Durch diese Hindeutung hilft man seiner Sache wahrlich nicht auf!

In Goethe gelesen, in Hegel's "Geschichte der Philosophie"; "Leben des großen Corneille" von Taschereau, "Graf Saint-Germain" von Herrn von Münchhausen, "Gedichte eines kosmopolitischen Nachtwächters" – die grade heute durch die Polizei verboten worden!

 

Mittwoch, den 15. Dezember 1841.

Schwere Gedanken beherrschen mich seit einigen Tagen. Erinnerung an Rahel. Vergleichung der Gegenwart mit der Vergangenheit. Ich bin schon halb gestorben, abgelöst von allem Leben; das allgemeine rauscht immer fremder und unerfreulicher vorüber, das persönliche wird mit jedem Tage matter, einsamer. – Gegen Abend heute, in meiner trübsten und kränksten Stunde, sandte mir Humboldt die ersten zwei Bände der Schriften seines Bruders, mit freundlichen, schmeichelhaften Worten, die aber wieder von nahem Hinscheiden sprechen. Das bewegte mich sehr. Dann las ich die sämmtlichen Sonette, mit tiefem, schmerzlichen Eindruck; die verwandte Klage durchschnitt mir das Herz. Und daß alles dahin ist, der Inhalt so vielen einst blühenden, geistesmächtigen Lebens, daß ich alle diese Gestalten gekannt, an ihnen Theil genommen, und immer mehr der Kreis sich verengt, der von Gefährten noch übrig ist, daß neue Geschlechter auftreten, die von jenem kaum wissen, [S. 380] sich von ihm abwenden! Sehr elegisch ist das, ich fühlte es bis zur Leidenschaft. Aber auf's neue bestätigte sich mir der Wille, daß dies gelebte Leben nicht untergehen soll; die Meinen, die Unsern, sollen leben im Gedächtniß, und sie werden es. Jedes neue Buch ist eine Gewähr mehr. – Viele der Sonette, und das Gedicht an Alexander Humboldt, sind wunderschön.

Es sollen schon über tausend Thaler Strafgelder von den Kaufleuten eingegangen sein, die an den beiden letzten Sonntagen während der Predigt ihre Laden nicht völlig geschlossen hatten. Die Strenge der Sonntagsfeier soll noch viel größer werden. Die Bürger murren laut.

Humboldt hat in der Abendgesellschaften beim russischen Gesandten das beißende Wort gesagt: "Herr von Schelling scheint hier ungefähr so viel Einfluß zu haben, als der neue Bischof in Jerusalem sich bei den Juden versprechen kann."

 

Freitag, den 17. Dezember 1841.

Steine werden am Lustgarten abgeladen; ein Eckensteher fragt: "Was sollen denn nu all die Steene?" – "I weßt Du dat nicht?" antwortet ein andrer, "der König will ja von hier nach Jerusalem Trottoir legen lassen!"

Schelling verspricht noch immer, kommt aber in die Sachen noch nicht hinein. Die Neugier läßt schon nach, und der wissenschaftliche Antheil findet sich noch immer nicht befriedigt, ja schon getäuscht.

Vorlesungen für Herren und Damen, von zwölf bis zwanzig Professoren beabsichtigt, deren jeder nur Einen [S. 381] Vortrag halten will. Nach englischem Vorbilde durch Raumer in Gang gesetzt. Hier wenig passend, kein Bedürfniß und wenig Fähigkeit. – Wenn dergleichen Vorträge Werth haben sollen, so können sie ihn nur durch Eleganz, Geschmack und Beredsamkeit haben. Wer hat die bei uns? Humboldt will nicht dabei sein.

 

Montag, den 20. Dezember 1841.

Die Sache ist wahr, völlig wahr; der König reist zur Taufe des Prinzen von Wales nach England, die Königin Victoria hat die deßfalsigen vertraulichen Eröffnungen durch ein eigenhändiges deutsches Schreiben an den König beantwortet, natürlich sehr geschmeichelt und eifrigst einladend. Am 17. Januar wird der König abreisen, begleitet von Humboldt, dem General von Natzmer oder Grafen von Nostitz, Adjutanten und Kammerherren, Geheimen Kabinetsrath Müller, Leibarzt Grimm u. s. w. Unter den Adjutanten ist der neuernannte Oberst Graf von Brühl. Die Reise geht über Calais, woselbst oder in Compiegne auch ein Zusammentreffen mit dem Könige der Franzosen Statt haben soll. Ich kann diese Dinge nur düster ansehen, ich halte sie für schädlich, sie erscheinen mir als Keime großen Unglücks. Was wird der König aus England zurückbringen? Englische Hierarchie und Aristokratie, den englischen Sonntag, den englischen Adel, englische Vorlieben und Nachahmungen, das schlechteste Geschenk, das uns werden kann. Bunsen wird das Eisen schmieden, während es warm ist, und er selbst und seine Verherrlichung und Befestigung gehört mit zu dem Unheil, das uns erwächst. Der König wird in England vom Volke mit Ju- [S. 382]  bel empfangen werden, während das eigne Volk dies mit Kälte, ja mit Hohn ansieht, und in seinen Bezeigungen künftig noch mehr zurücksteht, und dem Könige stets mißfälliger wird. Die Verbindung mit England wäre vielleicht gut, aber diese wird keine politische mit England sein, sondern eine persönliche mit Kirche und Torismus. Und was soll die Zusammenkunft mit Louis Philippe? Nichts Französisches hat sie hinter sich, sondern nur Louis Philippe'sches. Der König zerstört den Glauben derjenigen, die sich an seine Ueberzeugungen von Rechtmäßigkeit hielten, er nimmt sich das Zutrauen und die Stützen, die er hat, und gewinnt keine neuen dafür! Eine unglückliche Reise, in allem Glanz und Jubel, der sie begleiten wird, düster und unheilschwanger!

Gestern Abend stand die erste Nachricht, daß eine solche Reise in England besprochen werde, in der "Staatszeitung", die es dem "Standard" entlehnt hatte; gestern wurde der Artikel noch viel übersehen oder nicht geglaubt, heute weiß die ganze Stadt das Vorhaben. Schon heute gleich hat man gesagt, der König werde wohl in London Bunsen's Legationssekretair werden wollen, und zum erstenmal hör ich, daß man... doch ich will es lieber nicht ausschreiben!

Lenke der Himmel alles zum Guten! – Ich kann mir nicht helfen, ich bin sehr bewegt, und sehe nichts Heilsames!

Der König hat den Fürsten von Wittgenstein gefragt, wie es denn der hochselige König gemacht, um mit all seinen Arbeiten immer fertig zu sein? – Der Fürst sah den König eine Weile an, und sagte dann gemessen: "Der hochselige König hat streng auf Ordnung gehalten, alle wichtigen Sachen selbst entschieden, die untergeordneten [S. 383] aber seinen Ministern übertragen, denen er wußte vertrauen zu können. Anders geht es auch nicht." – Der König wandte sich vom Fürsten ab und sprach mit Andern.

 

Sonnabend, erster Weihnachtstag 1841.

Brief von Bruno Bauer; noch hält er in Bonn seine Vorlesungen.

Schelling kommt jetzt in seinen Vorträgen etwas mehr zur Sache, doch geht er mehr drum herum, als daß er in sie eindringt. Neulich begegnete ihm das starke Versehen – um so stärker, da er nicht frei vorträgt, sondern das Aufgeschriebene abliest, und sonst in allem, was er giebt, ungemein vorsichtig, klug und berechnet ist – , daß er behauptete, seit Spinoza seien alle Philosophen etwas Spinozistisch, keiner habe dem Einflusse desselben entgehen können, ja sogar Jakob Böhme habe unendlich viel aus dem Spinoza geschöpft, und er wundere sich, daß noch niemand dies wahrgenommen oder besprochen habe; er empfehle die genauere Untersuchung als eine dankbare Aufgabe. Die meisten Studenten aber wußten, daß Spinoza lange nach Jakob Böhme gelebt, und die Hegelianer meinten, dies hysteron proteron gäbe eine Hindeutung, wie derselbe Mann sich in Betreff seiner selbst und Hegel's irre.

Gestern besuchte mich Werder, der ganz erfüllt ist von der nahen Aufführung seines "Columbus", aber auch über Schelling sehr gut sprach, aus edler Tonart, mit sicherer Klarheit, Wissenschaftliches und Menschliches und Gesellschaftliches wohl unterscheidend und richtig mischend.

Die "Staatszeitung" enthält einen ungeschickten Artikel in Betreff der Sonntagsfeier, die alten Vorschriften seien [S. 384] nicht geschärft worden, der Bestrafungen nicht so gar viele etc. – Man erzählt auch von einer Kabinetsordre des Königs an Herrn von Rochow, daß die Erneuerung jener alten Vorschriften gar nicht im Sinne des Königs sei, daß dergleichen Mißgriffe geahndet werden müßten etc. Die Leute glauben aber steif und fest, daß der König doch die Sache gewollt und noch wolle, sich indeß aus der üblen Wirkung herausziehen möchte! Sie halten den König für unaufrichtig, trauen seinen Worten nicht!

An dem Kandelaber auf dem Schloßplatze, beim Weihnachtsmarkte, hing neulich frühmorgens ein todter Kater, und dabei war die plumpe Inschrift: "Regierst du nicht, wie dein Vater, so geschieht dir, wie diesem Kater!" Man glaubt sehr stark, daß alle diese schmähenden Witze in der Nähe des Königs, unter den Höflingen entstehen; aber das Volk nimmt sie begierig auf.

 

Sonntag, den 26. Dezember 1841.

Der König nimmt den Obersten Leopold von Gerlach in sein Militairkabinet. Eine unglückliche Wahl! Wiederum einer von den gewaltsam Frommen, der voll Sophisterei und Rabulisterei steckt, und als Militair für ganz unfähig gilt. – Der König nimmt den Bischof Probst Neander mit nach England; da dieser ein Rationalist und allen Frommen geradezu verhaßt ist, so sieht man darin wieder nur ein unglückliches Bemühen, die entgegengesetzten Richtungen scheinbar gelten zu lassen und unter der höchsten Autorität zu vereinigen; unglücklich nennt man das Bemühen, weil dasselbe schon im Beginn mißlingt, und niemand an den Erfolg glaubt, weil man recht gut weiß, [S. 385] für welche Seite doch eigentlich nur die Gunst vorbehalten ist.

Das "Athenäum" von Riedel ist doch eingegangen; es konnte bei der hiesigen Zensur nicht gedeihen. Die Mitarbeiter haben sich auf dem Titelblatte noch zum Schluß alle genannt, und die Herausgeber in den Abschiedsworten dem Leser gesagt, sie würden ihn an andern Orten wiederzufinden wissen.

Der König ist lebhaft, heftig, leidenschaftlich, – sagt man, - aber dabei seiner doch so sicher, daß er kein Wort sagt, das er nicht sagen will; im Gegentheil, die Lebhaftigkeit dient ihm zur guten Form, manches zu sagen, was er sonst nicht sagen könnte. Ein großer Uebelstand ist, daß er immer aus dem Augenblicke heraus handelt, ohne Grundsatz und Maxime, und ohne Folge. Auch in seinen Arbeiten und Papieren hält er keine Ordnung, und hierunter leiden zunächst seine Vertrauten. Briefe von Bunsen an den König finden sich in fremden Händen, vielleicht feindlichen.

 

Montag, den 27. Dezember 1841.

Abends im Saale der Singakademie Konzert von Liszt, ohne Orchester; er spielte ganz allein, wunderbar, beispiellos, zauberhaft, mit allgemeinem heftigsten Beifall. Seit Paganini hab' ich keinen solchen Meister gehört. Die Ouvertüre zu "Wilhelm Tell", eine Fantasie über Motive aus "Robert dem Teufel", und "Erlkönig" von Schubert waren am schönsten. Wir hatten ganz nahe Plätze, und sahen den geistvollen, feinen, schönen Mann ganz genau. Zuletzt spielte er einen chromatischen Galopp, den ich nicht [S. 386] aushalten konnte; er hatte meine Pulse in seiner Gewalt, und sein Spiel beschleunigte sie so, daß ich schwindlig wurde. – Der König war in seiner Loge, der Graf von Nassau, Prinz und Prinzessin Karl, Prnz August, der Kronprinz von Würtemberg. Ferner Meyerbeer, Felix Mendelssohn, Spontini, Rellstab, Spiker, eine Menge von Bekannten.

Es heißt nun, Otterstedt werde noch auf seinem Posten bleiben, er habe sich an den Prinzen von Preußen gemacht, und diesen für sich sprechen lassen. Die Hauptsache aber möchte sein, daß Herr von Radowitz nicht sehr nach dem Karlsruher Posten verlangt, sondern den größeren bei der Bundesversammlung in Aussicht hat.

Man sagt, der Minister von Rochow habe auf die Entdeckung des Geistes von Sanssouci einen Preis gesetzt.

Man sagt, den Aerzten solle verboten werden, an Sonn- und Festtagen während der Kirchenzeit Krankenbesuche zu machen, und viel andre solche Uebertreibungen.

 

Mittwoch, den 29. Dezember 1841.

In der "Staatszeitung" stand das Urtheil des Pairsgerichtes in Paris. Die Verurtheilung Dupoty's ist eine schreiende Ungerechtigkeit, kein Irrthum, sondern ein wissentliches Unrecht, denn es ist augenscheinlich. Ich war heftig empört. Und nun die Folgen! Dergleichen bleibt nicht ohne Rache, in Frankreich nicht! Die Elenden merken nicht, daß sie sich selbst, daß sie die Regierung herabwürdigen! Aergeres hätte ihnen der Haß der Feinde nicht anthun können. Diese Halunken von Pairs und dieser Halunk von Guizot! Nun, wenn ich es noch erlebe, daß [S. 387] sie der Teufel holt, will ich sie nicht bedauern. Ich litt von dieser Sache bis tief in die Nacht.

Die Welt sieht für mich nicht heiter und versprechend aus! Was ich kannte, liebte, verstand, schwindet oder verbirgt sich, und heran dringt und gedeihen sehe ich dagegen das Widrige, Ungekannte, Zweifelvolle, Bedenkliche. Wie anders war alles für mich, da noch Rahel und Goethe lebten. Und in der Politik, wie fern liegt schon die Zeit, wo Fox, wo Canning, wo Benjamin Constant, Foy genannt wurden, wo wir noch Männer freisinniger Denkart in hohen Aemtern hatten, und uns mit Bernstoff wenigstens hinhielten!

Meine Seufzer wären keine, sähe ich für mich irgend eine Aussicht zum Handeln; aber für mich, grade für mich, wenn ich mich nicht ganz verläugnen will, giebt es nichts, gar nichts zu thun! Ich kann nicht dreschen, wenn ich das Stroh leer weiß!

 

 

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